Kirsten Alers
Schreibpädagogin seit 1993
Diplompädagogin
Literacy Manager
Journalistin

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... eine Gruppe Gleichgesinnter in Sachen Schreiben.
Sie stocken in der Mitte einer Facharbeit oder einer Kurzgeschichte.
Sie müssen für Ihre Firma einen Homepagetext entwickeln.
Sie brauchen einen Flyer für Ihre Öffentlichkeitsarbeit.
Sie sollen für Ihre Abschlussarbeit ein Exposé schreiben.
Sie träumen davon, ein Kinderbuch oder eine Autobiografie zu schreiben.
Sie wollen schreibend äußere und innere Landschaften erkunden.
Sie möchten Methoden gegen Schreibblockaden kennen lernen.
Sie brauchen Hilfe bei der Textkorrektur.
Sie glauben, dass es Zeit ist, mit dem Schreiben zu beginnen.

Neuerscheinung

Schreiben wir! Eine Schreibgruppenpädagogik
Erschienen im Schneider Verlag, Hohengehren, im September 2016

Schreib-Blog  

26. Juni 2017
Wie Schreiben passiert
Juli Zeh: Grimm-Gastprofessorin 2017

„Sie versteht es, politisches Engagement mit literarischer Finesse zu verbinden.“ Stefan Greif, der Professor für Literaturwissenschaft sagte das am 20. Juni über Juli Zeh in seiner kurzen Einführung zur Vorlesung der Schriftstellerin, die in diesem Jahr die Grimm-Gastprofessur des Instituts für Germanistik an der Universität Kassel inne hatte. Sie schreibe gar keine politischen Romane und stehe immer noch ratlos und glücklich vor dem, was Literatur ausmacht, sagte wenig später Juli Zeh. Der Abend versprach spannend zu werden. Und das wurde er für rund 400 Zuhörende im großen Hörsaal an der Moritzstraße.
Spannend, witzig und geistreich schlug Juli Zeh den Bogen ihres literarischen Schaffens von ihrem ersten Roman, den sie mit zehn schrieb und unter den Dielenbrettern unter ihrem Kinder­zimmer­fußboden versteckte, bis zu ihrem 2016 erschienenen Roman Unterleuten (Luchterhand 2016) der das Universum eines brandenburgischen Dorfes mit all seinen Individual­universen einzufangen versucht. Sie erzählte anderthalb Stunden lang über ihr Schreiben und über das, was sie eigentlich immer vorrangig zu tun hatte, während sie ihre Romane schrieb: das erste und das zweite juristische Staatsexamen bestehen, Kinder gebären und versorgen usw. Schreiben, Literatur sei nichts, was sie mache, schon gar nicht unter (Auftrags-)Druck; es passiere, und es gelinge, „wenn man sich gerade nicht anstrengt“ (Nacht­schichten allerdings lassen sich dann nicht verhindern).
Juli Zeh sprach mir aus der Schreibpädagogin-Seele. Wenn meine SchreibschülerInnen etwas unbedingt wollen, dann kommt meist eher etwas Verkrampftes, etwas Gewolltes eben, heraus; wenn sie sich aber erlauben, einfach zu schreiben, etwas geschehen zu lassen, dann entstehen oft ganz besondere Stücke – das zeigend, was bewegt, wo echte Fragen sind, was so vielleicht auch noch nie jemand geschrieben hat.
Eine Poetik wolle und könne sie nicht bieten („Poetik ist das, was Autoren erfinden, wenn sie zu Poetik­vor­lesungen eingeladen werden“), sie tue das, was alle Menschen tun, was also menschlich zu nennen ist: Wir aktivieren die erzählerische Instanz in uns und bilden Narrationen, um die uns überwältigende und überfordernde Überfülle in ein Ordnungssystem zu bringen. Also: „Wir sind alle Ich-Erzähler.“ Und das sind wir auch, wenn wir nicht in der 1. Person singular erzählen. Das sind wir, wenn wir die Weltendinge, die uns in Unruhe verstzen, die uns Rästel aufgeben und drängende Fragen aufwerfen, erzählend versuchen zu fassen. Juli Zeh versuchte das in bisher sechs veröffentlichten Romanen sowie Theaterstücken und Kurzgeschichten.
Mich hat besonders ihr zweiter Roman Spieltrieb (Schöffling & Co. 2004) gefesselt, den ich tatsächlich als überaus politisch empfinde, greift er doch gesellschaftliche Phänomene auf, die sich in den 13 Jahren seit Erscheinen des Romans massiv intensiviert haben: Manipulation, Missbrauch, Lügen, Mobbing, Kälte und massive moralische Unsicherheit an Schulen. Und einen politischen Anspruch scheint Juli Zeh doch auch zu haben, denn in ihrem Abschluss-Statement kritisierte sie überaus scharf diejenigen, die einfache Lösungen wieder salonfähig machen, und pädierte für die Multiperspektivität als Metapher: Davon auszugehen, dass die Gesellschaft aus sieben Milliarden Einzelperspektiven bestehe, hindere das Individuum daran, aus seiner Ich-Perspektive heraus ein Recht auf Macht abzuleiten – und zu hassen. Wie auch sonst sollte man leben unter Leuten?


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