Schreibanregungenzurück zum Blog

30. April 2018
Walpurgis
Dichten nach Luisa Francia

Vielleicht gefällt es ihr, wenn ich sie eine Hexe nenne, eine Zaunreiterin. Gern würde ich ihr einmal begegnen: Luisa Francia. Wenn Walpurgis ist (so wie heute), denke ich an Frauen, die Geburtstag haben: Jutta, Alina, Malika. An die kleine Hexe (des Otfried Preußler), die nicht eingeladen wurde zum Walpurgisfest auf dem Blocksberg. An den Kölner Frauenbuchladen Hagazussa, einer meiner liebsten Orte in meiner frühen Erwachsenenzeit (wie scheu ich ihn betrat, wie viel Geld ich dort ließ für Bücher von Simone de Beauvoir, Marilyn French, Cora Stephan, Marge Piercy, Luise Pusch ...). Komischerweise denke ich nur selten an diesem Tag an die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit (und der Postmoderne, dazu aber an anderer Stelle), sehr wohl aber manchmal an den Goetheschen Zauberlehrling und immer an Luisa Francia. Deshalb also heute eine kleine Schreibanregung zu ihren Ehren.
Lass dich inspirieren von ihrem magischen Gedichtchen – zu eigenen, die Energien beschwörenden Reimen oder zu einem Text über einen Keim in dir, einen hexischen womöglich.

Ein Reim
(von Luisa Francia)
Ein Reim
ist ein Keim,
holt hervor,
wird zum Tor,
öffnet Wege,
geschickt und rege,
ruft herbei,
wie es sei,
schafft Raum
für den Traum.


16. April 2018
Schreib was mit A
Oulipotische Aufforderung von Ulrike Arabella

Alle Studierenden in ,meinem’ Masterstudiengang an der Alice Salomon Hochschule müssen in einem Modul in ihrem 1. Semester einen Blog kreieren und regelmäßig etwas posten. Da zeigt sich ein Potenzial, das mich juchzen lässt! Nun hat eine der Studierenden aus dem 11. Jahrgang einen Aufruf gestartet, den ich gern unterstütze:

„Willkommen zur Blogparade mit dem Thema: April, April, der weiß nicht, was er will! Alle Schreiblustigen aus unserem Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Scheiben an der ASH Berlin [...] sind herzlich eingeladen, ebenso wie alle anderen schreibfreudigen Bloggerinnen und Blogger.
Ihr dürft das Thema frei interpretieren – als Gedicht, Kurzgeschichte, Collage u.a. Aber es gibt eine kreative Herausforderung (contrainte): Es sollen nur Wörter verwendet werden, die ein „a“ enthalten („ä“ gilt auch).
Die „contrainte“ ist eine kreative Methode aus der „Werkstatt für Potentielle Literatur“ OuLiPo (L‘Ouvroir de Littérature Potentielle). Durch die selbstauferlegten formalen oder inhaltlichen Textbildungsregelungen sollen die verborgenen Potentiale der Sprache entdeckt werden.
Die Blogparade startet ab sofort und endet am 30. April 2018. Schreibt einfach den Link zu eurem April-Blogbeitrag unten in den Kommentar. Los geht’s und viel Spaß!“ Hier geht es zum Blog.


2. April 2018
Rausgehen ...
... auf die Ohrenweide

Nimm Stift und Block und geh. Raus aus dem Haus. In den Garten, in den Wald, an den See. Am Sonntagmorgen saß eine Schar winziger Vögel in unserer Birke – sie waren so hoch über mir, ich konnte nicht erkennen, ob es Meisen oder Spatzen waren oder ... Ich konnte auch nicht beschreiben, fand keine Worte für das Gepiepse, das vielstimmige Gepiepse, was aus der Birke zu mir herunterquoll und mich einhüllte. Es hörte sich irgendwie nach, ja, nun, was denn ... Frühling (?) an. Wir sind stark auf den Augensinn fokussiert, Farben und Formen zu benennen, genau zu beschreiben, fällt uns wenn nicht leicht, so doch deutlich weniger schwer, als Töne und Geräusche zu beschreiben. Zurzeit lässt sich das üben, da nach der Winterstille alle Töne und Geräusche so neu, so unerhört (!) wirken. Geh auf die Ohrenweide mit Stift und Block.
Und dann schreib vielleicht ein Gedicht. Ich sage jetzt mal: ein Konstellionsgedicht. Das geht so: Du suchst dir drei Wörter aus deinen Ohrenweidennotizen, ordnest sie nach dem nun folgenden Schema in sieben Zeilen an und findest eine die Konstellation bindende achte Zeile (das „und“ ist als reales Wort jeweils an den markierten Stellen einzufügen):

Schema für ein
Konstellationsgedicht (nach Eugen Gomringer)

Wort A
Wort A „und“ Wort B
Wort B
Wort B „und“ Wort C
Wort A
Wort A „und“ Wort C
Wort A „und“ Wort B „und“ Wort C „und“
frei zu gestaltende Zeile


5. März 2018
Stilkopie
Einen Schreib-Stil nachahmen

Mehrmals schon habe ich in diesem Blog angeregt, sich von der Form eines Gedichts, vom Stil eines Textes inspirieren zu lassen, indem er mit eigenem Inhalt nachgeahmt wird. Darum soll es auch hier wieder gehen. Und darum, das Buch zu empfehlen.
Zuerst zur Schreibaufgabe: Versuch, beim Lesen zu erfassen, wie der Text (der übrigens u. a. auf den Satz von Gertrude Stein „eine Rose ist eine Rose ist eine Rose is ...“ anspielt) funktioniert, mit welchen Stilmitteln er arbeitet. Dann nutz die Anaylseergebnisse für einen eigenen Text im gleichen Stil.

unmöglich (hommage an gertrude stein)
es ist vollkommen unmöglich über den mond zu schreiben. der mond gehört den vampiren den fledermäusen den dieben der angst. außerdem gehört er den entflammten den getrennten den reisenden den schwülstigen schließlich einigen sehr schönen volksliedern. und wegen all dieses gehörens des mondes ist es natürlich vollkommen unmöglich über den mond zu schreiben. denn wegen all dieses gehörens des mondes gibt es natürlich überhaupt nichts mehr über den mond zu sagen das nicht ein diebstahl wäre was aber vollkommen unmöglich ist denn der mond ist vollkommen unstehlbar weswegen auch alles was über ihn zu sagen ist vollkommen unstehlbar ist. und ganz und gar genauso verhält sich all das auch mit der liebe.

In Wirklichkeit ist der Text genau zehn Zeilen lang wie auch alle anderen Texte in diesem inhaltlich berührenden und immer wieder sprachlich überraschenden sowie so überaus ansprechend gestalteten Büchlein:
Quelle: Mohafez, Sudabeh (2015): das zehnzeilenbuch. Dresden: edition AZUR: S. 17


26. Februar 2018
Freewriting mit Essenz 2
Schreib-Seriensprint

Anknüpfend an das Verfahren der Schreibstaffel, die ich im Blog-Eintrag vom 15. 1. 2018 beschrieben und zum Ausprobieren empfohlen habe, stelle ich heute das Verfahren Seriensprint vor, das ich ebenfalls bei Ulrike Scheuermann gefunden habe. Es dient ebenso dem Zweck, sich selbst oder einem zu bearbeitenden Thema auf die Spur zu kommen, und basiert auf der Methode Freewriting.
Das Verfahren: Nimm dir eine Stunde Zeit. Mach ein zehnminütiges Freewriting zu deinem Thema, deiner Frage. Lies dir das Geschriebene durch und finde eine Essenz. Eine Essenz kann a) der wichtigste Satz des Geschriebenen, b) eine Zusammenfassung, c) die Kurzfassung eines Aspekts oder d) etwas noch Anderes sein. Einfach das Wichtigste für dich in einem Satz aufschreiben, unter das im Freewriting Geschriebene, vielleicht in einer anderen Farbe. Dann nimm diesen Satz als Impuls für ein neues Freewriting von zehn Minuten. Dann nimm abermals dieselbe Essenz für das nächste Freewriting von zehn Minuten. Mach das dann noch (mindestens) zweimal.
Vorletzte Woche habe ich das Verfahren Schreibstaffel zum ersten Mal in einer meiner Schreibgruppen ausprobiert. Das Gruppengespräch im Nachgang war überaus interessant. Folgende Erfahrungen und Wirkungen wurden beschrieben. Das erste Drittel der Gruppe beschrieb: Das Verfahren führe in eine Verlangsamung und nach und nach mit jedem neuerlichen Ansetzen weg vom Flow (des Freewritings) hin zu mehr Denken und Überprüfen des vorher Geschriebenen. Das zweite Drittel beschrieb: Das Verfahren führe zum Überwinden des Zensors, es wirke wie ein Werkzeug, um sich anders zu begegnen, und erlaube, immer mehr in die Tiefe zu gehen, sodass es sich irgendwann anfühle, als ob etwas und nicht mehr man selbst schreibe. Das dritte Drittel beschrieb: Das Verfahren erzeuge Varianten und entlaste dadurch PerfektionistInnen-Hirne und -Herzen. Die Quintessenz: mehr davon!

Quelle: Scheuermann, Ulrike (2016): Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkszeug nutzen und vermitteln, 3. Auflage. Opladen/Toronto: Verlag Barbara Budrich


15. Januar 2018
Freewriting mit Essenz
Schreib-Staffellauf

Erst neulich habe ich gelesen, dass ein Verfahren, was ich schon kannte bzw. vor zwei Jahren während eines Aufenthaltes im Kloster Germerode erfunden habe, bereits in der Literatur bekannt ist unter der Bezeichnung Schreibstaffel. Es dient dem Zweck, sich selbst oder einem zu bearbeitenden Thema auf die Spur zu kommen, und basiert auf der Methode Freewriting.
Das Verfahren: Nimm dir eine Stunde Zeit. Mach ein zehnminütiges Freewriting zu deinem Thema, deiner Frage. Lies dir das Geschriebene durch und finde eine Essenz. Eine Essenz kann a) der wichtigste Satz des Geschriebenen, b) eine Zusammenfassung, c) die Kurzfassung eines Aspekts oder d) etwas noch Anderes sein. Einfach das Wichtigste für dich in einem Satz aufschreiben, unter das im Freewriting Geschriebene, vielleicht in einer anderen Farbe. Dann nimm diesen Satz als Impuls für ein neues Freewriting von zehn Minuten, finde wieder eine Essenz, die für das nächste Freewriting als Impuls dient. Mach das dann noch (mindestens) zweimal.

Quelle: Scheuermann, Ulrike (2016): Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkszeug nutzen und vermitteln, 3. Auflage. Opladen/Toronto: Verlag Barbara Budrich


8. Januar 2018
Das Eismeer
Ostsee, Nordsee, Florida?

Nein, es geht nicht um den Klimawandel (oder doch?). Ja, es geht um das Klima. Es ist Winter. Und dort, wo mein Bruder wohnt (auf Long Island, New York), ist der Atlantik voller Eis. Als ich die Bilder von vor seiner Haustür sah, dachte ich an das Bild von Caspar David Friedrich (1774–1840): Das Eismeer. Das nun hier als Schreibimpuls dienen soll. Jede Art zu schreiben, jede Textsorte ist erlaubt, das Bild möge einfach als Impuls dienen ...


1. Januar 2018
17 Wörter für den Neubeginn
und die Reise durch das Jahr 2018

Es gibt eine Geschichte von Max Huwyler (Meine siebzehn Wörter), in der ein Prinz von seinem Vater in ein unbekanntes Land hinter den Bergen geschickt wird, in dem eine fremde Sprache gesprochen wird. Sein Lehrer gibt ihm den Auftrag, 17 Wörter auszuwählen, die der Prinz meint, zum Überleben gebrauchen zu können, die der Lehrer ihm dann übersetzt. Ist nicht ein neues Jahr wie ein unbekanntes Land hinter hohen Bergen mit einer fremden Sprache, die es noch zu lernen gilt?
Wähle 17 Wörter, die du meinst, für die Reise in und durch das Jahr 2018 zu brauchen.
Schreib einen Text, in dem diese 17 Wörter vorkommen. Insgesamt darf der Text nicht mehr als 52 Wörter haben.


11. Dezember 2017
Formkopie 2
Noch ein Gedicht nachahmen

Wie letzte Woche möchte ich empfehlen, eine Form für Eigenes zu nutzen. Das Gedicht von Ingeborg Bachmann ist nach einem spannenden Schema gebaut, das erlaubt, mit eigenen Inhalten in Resonanz zu gehen und diese also tiefer auszulosten. Zum Vorgehen: Finde drei Zeilen (eventuell auch aus einem eigenen wichtigen Text) und setze sie (gereimt oder nicht) als die ersten drei Zeilen des Gedichtes ein. Und dann verfahre wie das Schema es zeigt, d. h. du wiederholst die Zeile 1 als 4. in der ersten Strophe. In der zweiten Strophe bildet die Zeile 2 die Klammer (1. und 4. Zeile), dazwischen hast du zwei Zeilen Raum, um in Resonanz, in einen Dialog vielleicht, mit dieser Zeile zu gehen; bei der dritten Strophe verfährst du mit der Zeile 3 genauso.

Ingeborg Bachmann
Die große Fracht

Zeile 1
Zeile 2
Zeile 3
Zeile 1
Die große Fracht des Sommers ist verladen,
das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit
Die große Fracht des Sommers ist verladen.
Zeile 2
Resonanzzeile
Resonanzzeile
Zeile 2
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
und auf die Lippen der Galionsfiguren
tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren.
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.
Zeile 3
Resonanzzeile    
Resonanzzeile
Zeile 3
Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit,
kommt aus dem Westen der Befehl zu sinken;
doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

4. Dezember 2017
Formkopie
Ein Gedicht nachahmen

Einem Thema eine Form geben – das tut man immer beim Schreiben, ob bewusst oder unbewusst. Einem Thema eine bestimmte Form geben, es also z. B. in einer Kurzgeschichte, einer Einakter oder einem Gedicht zu verarbeiten, das tut man als bewusste Handlung. Hinzuspüren, was mit dem eigenen Inhalt passiert, wenn man ihm eine bestimmte Sprache und eine bestimmte Form gibt, die jemand anders seinem Inhalt gegeben hat – das ist spannend.
Ich schlage vor, das Gedicht von Günter Kunert nachzuahmen, also die Sprachmuster und das Formmuster zu kopieren bzw. auf einen eigenen Inhalt, ein eigenes Thema zu übertragen.

Günter Kunert
Auf der Schwelle des Hauses
In den Dünen sitzen. Nichts sehen
Als Sonne. Nichts fühlen als
Wärme. Nichts hören
Als Brandung. Zwischen zwei
Herzschlägen glauben: Nun
Ist Frieden.

Quelle: Waldmann, Günter (2003): Neue Einführung in die Literaturwissenschaft. Baltmannsweiler: Schneider


31. Oktober 2017
Erhaltung des Menschengeschlechts
Fragebogen – von Max Frisch, 1966

Max Frisch hat in seinen Tagebüchern immer wieder Fragebögen entworfen, oft auch zu speziellen Themen wie z. B. Ehe (Tagebuch 1966–1971, S. 51 ff.), Frauen und Männer (ebd. S. 137 ff.), Hoffnungen (ebd. S. 170 ff.) oder Geld (ebd. S. 238 ff.). Beantwortet hat er die Fragen nicht unbedingt bzw. meistens tatsächlich gar nicht. Aber sie reizen dazu, sich ihnen zu stellen. Hier also die 25 Fragen des Fragebogens, in denen Frisch sich mit Fragen, das Menschengeschlecht betreffend, befasst.

Erhaltung des Menschengeschlechts

  1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
  2. Warum? Stichworte genügen.
  3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
  4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
  5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
  6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
  7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
  8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
  9. Wen hingegen nicht?
  10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
  11. Wie alt möchten Sie werden?
  12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
  13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
  14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
  15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.
  16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
  17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: Wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
  18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: Beunruhigt Sie diese Vorstellung?
  19. Wenn Sie an Verstorbene denken: Wünschten Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
  20. Lieben Sie jemand?
  21. Und woraus schließen Sie das?
  22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?
  23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
  24. Wofür sind Sie dankbar?
  25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?“

Quelle: Max Frisch: Tagebuch 1966–1971, Frankfurt/Main 1972, S. 7 ff. (siehe auch Blog-Eintrag zu Fragebögen vom 3. 4. 2017).


16. Oktober 2017
for action, in action, on action
Schreiben als Reflexive Praxis 3

Schreiben kann ich auch nutzen, um meine Handlungen zu reflektieren. Schreiben als Reflexive Praxis (oder besser ausgedrückt: als reflektierende Praxis) hat eine lange Tradition, vor allem im pädagogischen oder sozialarbeiterischen Berufsfeld, in dem es notwendiger ist als in manch anderem Berufsfeld, sich und die eigenen Handlungen selbstkritisch zu betrachten. Für alle, die pädagogisch oder sozialarbeiterisch tätig sind (und natürlich auch für alle ansonsten an kritischer Selbstreflexion Interessierte) stelle ich hier das Konzept des US-amerikanischen Philosoph und Professor der Stadtplanung am Massachusetts Institute of Technology Donald Schön. In seiner Handlungstheorie wendet sich Schön (1930–1997), auf den der Begriff reflective practice zurückgeht, mit dem Positivismusvorwurf gegen die Dominanz technischer Rationalität (John Deweys ,Schüler’). Er unterscheidet in seinem 1983 erschienenen Werk The Reflective Practitioner: How professionals think in action, in dem er auf das Problemlöseverhalten hochqualifizierter Berufsgruppen fokussiert, drei Handlungsmodi bzw. Phasen Reflexiver Praxis (vgl. Roters 118f.):

  1. reflexion-for-action: Das ist die Reflexion im Davor, in der Planungsphase.
  2. reflexion-in-action: Das ist das spontane oder bewusste Einnehmen einer ,Vogelperspektive’ in der konkreten Praxis, um möglicherweise diese sofort zu modifizieren.
  3. reflexion-on-action: Das ist ein Innehalten im Danach; hier werden drei fragen gestellt: Was hat funktioniert? Was nicht und warum nicht? Welche Konsequenzen können für das nächste Mal gezogen werden? Mit diesen Fragen geht man dann zurück zu Phase 1.

Dieses auf den Gesamtprozess bewusster (pädagogischer) Handlung ausgerichtete Konzept Reflexiver Praxis geht u. a. davon aus, dass die handelnde Person bereit ist, Unsicherheiten in der Praxis auszuhalten, erst einmal bei Irritationen zu einem Problemverständnis (framing) zu kommen, ohne sofort nach den einfachen oder nahe liegenden Lösungen zu greifen. Gerade die Reflexionsfähigkeit im Raum des routinelosen unbekannten Settings macht nach Schön Professionalität aus.
Im Prozess des problem (re)framing wird das implizite Wissen reflektiert, damit ist gemeint, einen kritischen Dialog mit eigenen Vorannahmen, mit der eigenen Praxis und deren theoretischen Begründungen zu führen. Er schlägt für die von ihm besonders fokussierten reflektierenden Praktiker einen Dreischritt vor:

  1. Beobachtung unserer Erfahrung,
  2. Verbindung dieser mit unseren Gefühlen,
  3. In-Bezug-Setzen zu unseren Theorien (vgl. Studer/Jannuzzo 2015: 125).

Ziel der Reflexiven Praxis ist für Schön: „Learning how one reflects-in-action and reflects-on-action by the framing and reframing indeterminate situations“ (MacKinnon/Erickson 1988, zit. nach Roters 2012: 121). Nicht die eine Lösung zu finden, ist das Ziel, sondern das Problem aus verschiedenen Perspektiven betrachten zu können.

Vielleicht ist es ja ein lohnendes Experiment, dich auf diesen schreibenden Reflexionsprozess einzulassen.

Literatur
Honegger, Monique / Ammann, Daniel / Hermann, Thomas (2015): Schreiben und Reflektieren. Denkspuren zwischen Lernweg und Leerlauf. Bern: hep verlag Roters, Bianca (2012): Professionalisierung durch Reflexion in der Lehrerbildung. Eine empirische Studie an einer deutschen und einer US-amerikanischen Universität. Münster u. a.: Waxmann Studer, Patrick / Jannuzzo, Diego (2015): Reflexive Praktiken in technischen Studiengängen. Das Lernjournal. In: Honegger/Ammann/Hermann: 124–136


9. Oktober 2017
95 Anschläge
oder Bekenntnisse oder Positionen ...

Inspiriert von dem Essay-Sammelband 95 Anschläge. Thesen für die Zukunft möchte ich anregen (als Ergänzung zum Blog-Eintrag vom 25. 9. 2017), eigene Thesen zu verfassen, eine oder 17 oder 95, länger ausfomulierte oder Ein-Satz-Thesen. Ein paar der Überschriften aus diesem Band könnten schon erste Schreibanregungen sein:

  • Deutschland ist Entwicklungsland
  • Schluss mit dem Selbstbetrug – Deutschland ist ein rassistisches Land
  • Wer nach Wahrheit sucht, muss mit echten Menschen streiten
  • Wir brauchen Zweifel, um offen zu bleiben
  • Auf allen Hochzeiten tanzen – und dabei auch noch Spaß haben

Und zu lesen lohnt sich das Buch auch, nicht zuletzt auch weil so kluge Menschen wie Thea Dorn, Judith Hermann, Hartmut Rosa, Edgar Selge, Ilija Trojanow oder Juli Zeh unter den 95 AutorInnen sind.

Friederike von Bünau, Hauke Hückstädt (Hg.) (2017): 95 Anschläge. Thesen für die Zukunft. Frankfurt/Main: S. Fischer


25. September 2017
95 Thesen
zur Lage der Nation

Der Ausgang der Bundestagswahl 2017 fordert dazu auf, sich mit der Zukunft zu befassen. Wohin gehen wir, wie wollen wir leben, was kann ich tun? Jedenfalls sind diese Fragen in mir wieder einmal aus dem Hintergrund in den Vordergrund geploppt. Und da ich Schreiblehrerin bin, suche ich dann auch sofort nach Schreibanregungen, sich schreibend Positionierungen und Visionen anzunähern, ist wahrscheinlich nicht die schlechteste Idee ... Und so empfehle ich, die Luthersche Idee zu nehmen und 95 Thesen zur Lage der Nation zu verfassen (oder zur Lage der Welt oder zu welcher lage auch immer). Am 31. Oktober gibt es ja die Gelegenheit, sie an eine geeignete Tür zu nageln. Und vielleicht hat die eine oder andere These durchschlagende Wirkung, wer weiß das schon ...


18. September 2017
Nomen- und Verbenfunde
Inspiration aus Eigenem

Nimm einen Text, den du, ohne lange zu suchen oder zu überlegen, und am besten auch, ohne ihn zu lesen, aus einem Stapel oder einem Ordner ziehen solltest. Schreib daraus das 1., das 3. und das 5. Nomen von vorn sowie das letzte, das drittletzte und das fünftletzte Verb heraus. Aus diesen sechs Wörtern entsteht als Grundmaterial, als Impulsmasse ein neuer Text.
Später kannst du die beiden Texte vergleichen. Gibt es verwandte Ideen, tauchen ähnliche (deine) Themen in beiden Texten auf?
Diese Übung geht auf die Gruppe OuLiPo zurück, sie ist eine ihrer Contraintes.


28. August 2017
Zum Gebrauchswert klassischer Lyrik
Goethe zum 268. Geburtstag

Mühsam schien mir das Interpretieren von Gedichten, in Deutsch mittelschwierig, in Englisch kam ich nie über ein ,ausreichend’ hinaus. Ich kann nicht sagen – und das ist erstaunlich in Anbetracht des Quasi-Scheiterns –, dass ich Gedichtinterpretationsaufgaben nicht mochte, ehr das Gegenteil ist der Fall: Mich über Reim und Rhythmus, Metaphern und Motive dem zu nähern, was in den Tiefen eines Gedichts steckt, was es beim ersten Lesen geschickt verbirgt, was vielleicht noch nicht einmal der Autor, die Autorin mit Absicht verborgen hat, empfand ich als faszinierend und lohnend. Niemals leider haben wir, die wir zum Interpretieren aufgefordert waren, aufgefordert, Gedichte zu schreiben, das Erkannte also in einem eigenen Produktionsprozess auszuprobieren, um so noch besser die Gemachtheit von Literatur verstehen zu können. Und dann hätten wir als erstes ja einmal ein Gedicht nachahmen, Reim und Rhythmus übernehmen, Metaphern und Motive neu wählen können. Haben wir nicht. Haben aber immer schon Menschen – mit Lern- oder Lehrabsicht oder einfach aus Spaß oder als Fingerübung. Ein überaus beliebtes Gedicht für das eine oder das andere scheint Wanderers Nachtlied von Johann Wolfgang Goethe zu sein, der heute, am 28. August 2017 268 würde, lebte er noch (wie es sein Gedicht tut).

Hier also erst einmal das Original:
Ein gleiches.
Über allen Gipfeln
Ist Ruh’,
in den Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest Du auch.

Nach Einführung der Tabaksteuer veröffentlichte die Magdeburger Zeitung 1894 folgende Umdichtung:
Ueber allen Wipfeln ist Ruh.
In allen Gipfeln spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Blätter rauschen im Walde,
Warte nur, balde
Rauchst du sie auch!

1917, also vor 100 Jahren genau, veröffentlichte Karl Kraus in seiner Fackel eine Umdichtung, die er im Frankfurter Generalanzeiger gefunden hatte:
Frei nach Goethe!
Ein englischer Kapitän an den Kollegen.

Unter allen Wassern ist – ,U’
Von Englands Flotte spürest du
Kaum einen Rauch ...
Mein Schiff versank, dass es knallte,
Warte nur, balde
R-U-hst du auch!

1964 griff Johannes Hubert ebenfalls nach Goethes Gedicht, um ein gesellschaftlich aktuelles Thema zu verarbeiten:
wanderers nachtlied
über alle gipfeln
ist unruh
in allen wipfeln
spürest du
atomkernrauch.
die kobolde lärmen im walde.
warte nur, balde
kobaldest du auch.

Adaptionen oder als solche interpretierte gibt es weitere auch in der zeitgenössischen Lyrik, u. a. in der Konkreten Poesie (Friedrich Achleitner, Eugen Gomringer, Ernst Jandl). Und jetzt? Selber machen! (Und es geht auch mit anderen Gedichten!)

Quelle: Segebrecht, Wulf (1978): J. W. Goethe. ,Über allen Gipfeln ist Ruh’. Texte, Materialien, Kommentar. München/Wien: Carl Hanser


31. Juli 2017
Listentexte helfen
... um zu umkreisen und zu vertiefen

Das – ich nenne den Text – Gedicht von Eike von Savigny eignet sich, ahmt man die Form nach, wunderbar, um spielerisch sich vorzutasten, um etwas zu umkreisen, um in die Tiefe zu kommen. Man kann sich auch von der speziellen Art des Seriellen, wie von Savigny es benutzt, lösen, eigene Anfangsworte wählen und einfach frei assoziieren. Es geht einerseits um Spiel und Lust, andererseits fördert das serielle Arbeiten manchmal Erstaunliches zutage.

Katalog
Eike von Savigny (geb. 1941)

A    Es gibt vollkommene Zahlen
B    Es gibt Zahlen
A    Es gibt natürliche, ganze, rationale Zahlen und so weiter
B    Es gibt natürliche Zahlen
A    Es gibt Sachen zum Totlachen
B    Es gibt Sachen
A    Es gibt in Deutschland Sagen, in den USA nicht
B    Es gibt in Deutschland Sagen
A    Es gibt Sagen über Barbarossa
B    Es gibt Sagen, Märchen, Legenden, Erzählungen und so weiter
A    Es gibt Sagen
B    Es gibt Gerüchte, nach denen er in die Affäre verwickelt ist
A    Es gibt Gerüchte
B    Es gibt in der Regierung einige gefestigte Charaktere
A    Es gibt Charaktere
B    Es gibt einen Punkt, über den man nicht hinausgehen darf
A    Es gibt einen Punkt, an dem wir uns treffen könnten
B    Es gibt einen Punkt
A    Es gibt dunkle Punkte in seiner Vergangenheit
B    Es gibt dunkle Punkte
A    Es gibt Punkte, in denen ich mit mir reden lasse
B    Es gibt Punkte
A    Es gibt nicht nur Berge, sondern auch Täler
B    Es gibt Berge
A    Es gibt Möglichkeiten für eine Einigung
B    Es gibt Möglichkeiten
A    Es gibt Millionen Arbeitslose
B    Es gibt Arbeitslose
A    Es gibt Ausnahmen von dieser Regel
B    Es gibt Ausnahmen
A    Es gibt herrliche Farben im Herbst
B    Es gibt Farben
A    Es gibt von dem Anzug die Größen 94 und 98
A    Es gibt für Anzüge die schlanken Größen 90, 94, 98 und so weiter
B    Es gibt Größen
A    Es gibt sehr hübsche Gegenstände in dieser Kollektion
B    Es gibt Gegenstände

      Es gibt nichts als Ärger mit den Russen
      Es gibt noch Charakter in der Politik
      Es gibt da gewisse Gerüchte
      Es gibt immerhin noch Tiger
      Es gibt in Afrika Tiger
      Es gibt zum Beispiel Tiger, Löwen und Panther
      Es gibt für ihn nur die Callas
      Es gibt für Rentner verbilligte Karten

(Quelle: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. In hundertvierundsechzig Spielarten vorgestellt von Andreas Thalmayr. Nördlingen: Greno, 1985. – Dieses Werk ist übrigens eine wunderbare und inspirierende Fundgrube!)


16. Juli 2017
Zeiten schreiben
Schreiben in den und über die Zeiten

Vor einigen Wochen durfte ich einmal mehr von der schreibmethodischen Kreativität meiner Kasseler Kollegin und Freundin Carmen Weidemann profi­tieren. Ich skizziere hier also ihre Schreibanregung in drei Schritten:
Schritt 1 – Gegenwart: Schreib einen Text, der in der Gegenwart spielt und in dem ausschließlich die grammatische Gegenwart, also das Präsens erlaubt ist.
Schritt 2 – Vergangenheit: Nimm einen zentralen Satz aus deinem eben geschriebenen Text (in der Schreibwerkstatt haben wir die Sätze verlost, sodass jedeR einen ,fremden’ Impuls hatte) und benutz ihn als Impuls für einen Text, in dem zurückgeblickt wird und alle Vergangenheitszeiten erlaubt sind, Perfekt, Imperfekt/Präteritum und Plusquamperfekt.
Schritt 3 – Zukunft: Wähl ein Wort aus dem letzten Text (in der Schreibwerkstatt haben wir die Wörter verlost) und benutz es als Impuls für einen Text, der vorausschaut und in dem Futur I und II verwendet werden dürfen.
Die anderen grammatischen Zeiten sind jeweils tabu. Es kann spannend sein, alle drei Texte zum gleichen Thema zu schreiben oder sich bewusst mit einer autobiografischen Frage zu befassen.


12. Juni 2017
Stufenweises Tiefergehen
Feedback gehört zum Schreibprozess 6

In der Vorbereitung zu meinem neuen Modul an der Alice Salomon Hochschule (zu Pädagogik und Reflexivem Schreiben) habe ich diverse neue spannende Feedbackmethoden gefunden, die teilweise andere Dimensionen berühren als die, die ich bisher kannte und in meinen Gruppen angewandt habe. Als erste stelle ich das Stufenmodell von Zimmermann/Rickert vor, mit dem man sich bewusst machen kann, welche Art des Reagierens auf Texte Anderer man bisher gewählt hat, mit dem man aber auch in kleinen Schritten tiefer gehen und so lernen kann, was hilfreiches Feedback ist.
Zimmermann/Rickert benutzen den Begriff der Transaktivität für das kooperative und interaktive schreibbasierte Kommunizieren und Lernen. „Durch transaktives Sprach- beziehungsweise Schreibhandeln selbst gelangen Schreiberinnen zu neuen Inhalten. Transaktive Sprachhandlungen sind Ausdruck jener Denkprozesse, mit deren Hilfe Schreibende weiterführende Ideen generieren“ (Zimmermann/­Rickert 2015: 94). Sie haben ein Kategorienraster entwickelt, mit dem sich die Tiefe der Transaktivität und damit in Folge auch die Qualität des Lernens bestimmen lässt:

  • Auf Stufe 1 erfolgt keine Bezugnahme zum Geschriebenen.
  • Auf Stufe 2 wird das Geschriebene wiederholt.
  • Auf Stufe 3 wird dem Geschriebenen zugestimmt oder es abgelehnt, ohne eine Begründung zu geben.
  • Auf Stufe 4 wird Zustimmung oder Ablehnung begründet, aber diese Begründung nicht differenziert.
  • Auf Stufe 5 wird Zustimmung oder Ablehnung differenziert, aber nicht begründet.
  • Auf Stufe 6 wird Zustimmung oder Ablehnung begründet und differenziert.

Quelle: Zimmermann, Tobias / Rickert, Alex (2015): Austausch in Onlineforen. Wie Kategorien die Lernwirksamkeit von Diskussionen steigern. In: Honegger, Monique / Ammann, Daniel / Hermann, Thomas: Schreiben und Reflektieren. Denkspuren zwischen Lernweg und Leerlauf. Bern: hep verlag: 83–96 (hier: 87).


29. Mai 2017
Schreiben in der Gruppe
Reißverschluss-Texte

Suchen Sie sich eine Gruppe oder nutzen sie die nächste Feier mit FreundInnen und schreiben Sie Texte, an denen die ganze Feierrunde beteiligt ist. Die Reißverschluss-Texte entstehen folgendermaßen:
JedeR schreibt einen ersten Satz auf ein eigenes DIN A4-Blatt, denkt sich den zweiten Satz, schreibt ihn aber nicht auf, sondern dann wieder den dritten Satz. Dann geben alle ihre Blätter nach rechts weiter. Die/Der Zweite schreibt den zweiten fehlenden Satz. Die Blätter werden wieder weitergegeben. Die/Der Dritte in der Runde denkt sich den vierten Satz und schreibt den fünften. Die/Der vierte Schreibende schreibt den vierten Satz. Außer ganz zu Anfang (da schreibt jedeR zwei Sätze) schreibt jedeR immer nur einen Satz.

Die Gruppenleitung kann die Satzabfolge unterstützend auf einem Blatt, das in der Mitte liegt, auflisten:

  1. SchreiberIn: 1. + 3. Satz
  2. SchreiberIn: 2. Satz
  3. SchreiberIn: 5. Satz
  4. SchreiberIn: 4. Satz
  5. SchreiberIn: 7. Satz
  6. SchreiberIn: 6. Satz ...

Als Erleichterung können alle immer ihre Sätze bzw. Zeilen nummerieren. Es hat sich auch bewährt, dass alle gleichzeitig weitergeben und die Gruppenleitung zu dem Zeitpunkt immer noch mal ansagt, was als nächstes zu tun ist: Lücke füllen oder Lücke lassen.
Sie sollten bei einer kleinen Gruppe (vier bis sechs Personen) die Blätter zwei Runden wandern lassen, sodass – wenn Sie vier Personen sind und jedeR das eigene Blatt zum zweiten Mal wieder vor sich hat – am Ende auf jedem Blatt neun Sätze stehen. Am Ende schreibt jedeR noch einen Schlusssatz.
Unbedingt muss man darauf aufmerksam machen, leserlich zu schreiben.


22. Mai 2017
6. Nordhessischer Autorenpreis
Einsendeschluss in einem Monat

AN DER GRENZE – was für ein Thema! Wahrscheinlich fällt es vielen schwer, sich zu entscheiden, von welcher Grenze denn nun zu schreiben sei. Von der Grenze des guten Geschmacks, von der Grenze zwischen Atlantik und Pazifik, von der Grenze im Kopf ... Und überschritten werden können ja auch alle Grenzen, an denen man steht. Und dann, was passiert hinter der Grenze?
Weitere Assoziationen und die Teilnahmebedingungen finden Sie hier.


24. April 2017
Anders denken
Das Bewusstsein bestimmt das Sein

Was Ulla Hahn sich gedacht hat, als sie das Gedicht schrieb, weiß ich nicht. Was ich gedacht habe, als ich es zum ersten Mal las, weiß ich noch: Das kann man auch ganz anders sehen! Und dann habe ich es in meiner allerersten Frauenschreibwerkstatt verteilt mit der Aufforderung (die ich jetzt auch hier ausspreche): Schreib das Gedicht um in eine kraftvolle (wenn frau so will: positive) Variation!

Ich bin die Frau
Ich bin die Frau
die man wieder mal anrufen könnte
wenn das Fernsehen langweilt

Ich bin die Frau
die man wieder mal einladen könnte
wenn jemand abgesagt hat

Ich bin die Frau
die man lieber nicht einlädt
zur Hochzeit

Ich bin die Frau
die man lieber nicht fragt
nach einem Foto vom Kind

Ich bin die Frau
die keine Frau ist
fürs Leben


10. April 2017
Listentexte helfen …
… um ins (lustvolle) Schreiben zu kommen

Eine meiner neuen Schreibschülerinnen blieb nach zwei Terminen weg. Nach dem zweiten, an dem wir oulipotische Experimente gemacht hatten, schrieb sie mir, wie dumm und mickrig sie sich vorgekommen sei, wie gut die Anderen schreiben, dass ihre aus der Schule mitgebrachte Angst vor dem Schreiben, die sie eigentlich in der Schreibwerkstatt hatte abbauen wollen, sich nur noch gesteigert habe. Ob sie wiederkäme, wüsste sie noch nicht.
Ich war erschüttert.
Dann schrieb ich ihr eine ausführliche Mail zu meinem Verständnis von Schreibwerkstatt; am Ende der Mail gab ich ihr folgende Tipps: Listentexte sind eine gute Möglichkeit, ins Schreiben zu kommen; du kannst einfach mal ein paar Listentexte zu schreiben ausprobieren, jetzt in den Ferien, vielleicht machen sie dir Spaß. Ich gebe dir drei Anregungen: eine von Brecht (Vergnügungen), eine von Heißenbüttel (Heimweh); du kannst einfach mal die Form nachahmen, also eine Liste mit deinen Vergnügungen anfertigen, einen Text schreiben, bei dem jede Zeile gleich anfängt, vielleicht auch mit „Ich erinnere mich ...“. Eine dritte Anregung heißt, einen Text nur aus Fragen zu erstellen (siehe dazu: Blogeintrag vom 27. März 2017).

(Bertolt Brecht)
Vergnügungen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein

(Helmut Heißenbüttel)
Heimweh

nach den Wolken über dem Garten in Papenburg
nach dem kleinen Jungen der ich gewesen bin
nach den schwarzen Torfschuppen im Moor
nach dem Geruch der Landstraßen als ich 17 war
nach dem Geruch der Kommissspinde als ich Soldat war
nach der Fahrt mit meiner Mutter in die Stadt Leer
nach den Frühlingsnachmittagen auf den Bahnhöfen der Kleinstädte
nach den Spaziergängen mit Lilo Ahlendorf in Dresden
nach dem Himmel eines Schneetags im November
nach dem Gesicht Jeanne d’Arcs in dem Film von Dreyer
nach den umgeschlagenen Kalenderblättern
nach dem Geschrei der Möwen
nach den schlaflosen Nächten
nach den Geräuschen der schlaflosen Nächte

nach den Geräuschen der schlaflosen Nächte


3. April 2017
Antworten …
... weil jemand gefragt hat

Am letzten 1. April schickte mir eine meiner SchreibschülerInnen (Viktoria Ahrend) eine Liste mit Fragen (die sie auch an andere Bekannte und FreundInnen versandte) und bat um Antworten. Sofort, spontan und lustvoll beantwortete ich sie. Ja, es ist eine Lust, auf solche Fragen zu antworten, erlauben sie doch, in spielerischer Weise ein kleines Portrait in Metaphern aus dem Moment heraus zu erstellen. Und laden sie doch ein zum Dialog darüber, was die Fragenstellerin aus dem liest, was geantwortet wurde.
Hier sind die Fragen:

Wenn ich eine Farbe sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich eine Land sein könnte, welches wäre ich dann:
Wenn ich ein Tier sein könnte, welches wäre ich dann:
Wenn ich mir ein Geschlecht aussuchen könnte, welches würde ich wählen:
Wenn ich ein Material sein könnte, welches wäre ich dann:
Wenn ich eine Pflanze sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich ein Kleidungsstück sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich eine Sportart sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich ein Beruf sein könnte, welcher wäre ich dann:
Wenn ich ein Wetterzustand sein könnte, welcher wäre ich dann:
Wenn ich ein Gefühl sein könnte, welches wäre ich dann:
Wenn ich eine Zahl sein könnte, welche wäre ich dann:
Wenn ich ein Instrument sein könnte, welches wäre ich dann:

Dieser Fragebogen hat berühmte Vorbilder: Max Frisch hat in seinen Tagebüchern Fragebögen entworfen, die dazu einladen zu antworten. In Magazinen großer Tages- und Wochenzeitungen (FAZ, DIE ZEIT) sind jahrelang jede Woche öffentlich bekannten Personen die gleichen Fragen gestellt worden, sodass man aus den Antworten ein Charakterbild herauslesen konnte.
In meinen Schreibwerkstätten setze ich Fragebögen, ähnlich dem meiner Schreibschülerin, ein, also solche, die ein Portrait in Metaphern zeichnen. Die ausgefüllten Fragebögen werden verlost und anonym vorgelesen – die Gruppe rät, wer sich hinter den Antworten verbirgt.


13. März 2017
Dreizehn Arten ...
... eine Amsel zu betrachten

Diese Woche bin ich auf Sylt, mit einer Gruppe zum Schreiben. Dort werde ich auf jeden Fall die Teilnehmenden dazu ermuntern, zweite und dritte Blicke nach den ersten auf etwas zu werfen. Ich versuche, die Möglichkeit zu eröffnen, dass jedeR einen eigenen Fokus findet, spätestens am vierten Tag. Und bei diesem auch bleibt. Sich einlässt, tiefer geht. Und dazu kann vielleicht ein Gedicht den entscheidenden Impuls geben: Dreizehn Arten eine Amsel zu betrachten von Wallace Stevens.
Das Gedicht ist schon Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden, inspiriert aber bis heute viele SchriftstellerInnen, z. B. Bengt Emil Johnson. In seinem Gedichtband Elchzeit gibt es zwei die Amsel-Betrachtungen adaptierende Gedichte: 32 Arten Elstern zu betrachten und 20 Stationen am Olsjömoor. Günter Ohnemus hat gleich Siebenundsechszig Ansichten einer Frau daraus gemacht; dieses Buch kann man als Kürzestgeschichtensammlung, aber auch als 67 Blicke auf eine Frau und ihre Lebensäußerungen lesen.
Hier nun das Gedicht von Stevens, als Anregung, in einer Übersetzung von meinem Bruder Jens Alers:

Dreizehn Arten, eine Amsel zu betrachten
von Wallace Stevens

I
Zwischen zwanzig verschneiten Bergen,
war das einzige sich bewegende Ding
das Auge der Amsel.

II
Ich war drei Sinne,
wie ein Baum
in dem drei Amseln sitzen.

III
Die Amsel wirbelte in den Herbstwinden.
Sie war ein kleiner Teil der Pantomime.

IV
Ein Mann und eine Frau
sind eins.
Ein Mann und eine Frau und eine Amsel
sind eins.

V
Ich weiß nicht was ich bevorzuge,
die Schönheit des Tonfalls
oder die Schönheit der Anspielungen,
die pfeifende Amsel
oder nur danach.

VI
Eiszapfen füllen das lange Fenster
mit barbarischem Glas.
Der Schatten der Amsel
durchkreuzte es, vor und zurück.
Die Stimmung
hinterließ eine Spur im Schatten
einen unentzifferbaren Grund.

VII
Oh ihr dünnen Männer von Haddam,
warum stellt ihr euch goldene Vögel vor?
Seht ihr nicht wie die Amsel
um die Füße
der Frauen bei euch läuft.

VIII
Ich kenne die noblen Akzente
und die klaren, unausweichlichen Rhythmen;
aber ich weiß auch,
dass die Amsel an dem,
was ich weiß, beteiligt ist.

IX
Als die Amsel aus meinem Blickfeld flog
markierte sie den Rand
eines der vielen Kreise.

X
Im Anblick der Amseln,
im grünen Licht fliegend,
würden sogar die Hasen des Wohlklangs
laut aufschreien.

XI
Er ritt herüber nach Connecticut
in einer gläsernen Kutsche.
Eine Furcht hatte ihn einst durchbohrt,
insofern dass er
den Schatten des Gespanns
mit Amseln verwechselte.

XII
Der Fluss bewegt sich.
Die Amsel fliegt wohl.

XIII
Es war den ganzen Nachmittag lang Abend
Es schneite
und es sollte weiterhin schneien.
Die Amsel saß
in den Zweigen der Zeder.

Wallace Stevens: Thirteen Ways of Looking at a Blackbird, in: The Collected Poems of Wallace Stevens. Copyright 1954 by Wallace Stevens. Reprinted with the permission of Alfred A. Knopf, a division of Random House, Inc.


6. März 2017
Oulipotische Versuche
Ohne Verben und mit einem

Das vergangene Wochenende habe ich mit oulipotischen Versuchen verbracht. Mehr dazu nächste Woche! Heute empfehle ich:

  1. einen Text zu schreiben, der ganz ohne Verben auskommt (auch Partizipien sind nicht erlaubt); es ist dabei ratsam, sich erst einmal kein Thema zu setzen, sondern sich von einem Impuls irgendwohin tragen zu lassen, z. B. von: Sieben Wochen ohne.
  2. einen Text zu schreiben, der mit nur einem einzigen Verb auskommt (die Hilfsverben sein und haben, sofern sie zur Bildung der grammatischen Zeiten gebraucht werden, sind ebenfalls erlaubt); es ist hierbei ratsam, in einem ersten Versuch ein Verb zu wählen, das Spielraum lässt, z. B. spielen, gehen oder schreiben. Spannend ist, was während des Schreibens passiert und welches Räume diese Beschränkungen öffnen!


13. Februar 2017
Arbeit an Sprache und Wahrnehmung
Möglichkeiten, auf ein Bild zu reagieren

Der Schreibdidaktiker Günter Lange hat (schon im letzten Jahrtausend!) acht Möglichkeiten aufgezeigt, wie man auf ein Bild regieren kann, jeweils eine andere Schreibhaltung einnehmend; Kollegin Katrin Bothe hat diese um zwei weitere Möglichkeiten ergänzt. Die Aufgabe heißt ganz einfach: Schreiben zu einem Bildimpuls. Zum Beispiel zu diesem:

foto: satzmanufaktur

Dann wählt man sich eine der folgenden Möglichkeiten:

  • Fensterblick
  • Filmblick
  • Spaziergang
  • Es war einmal
  • Gespräch
  • Spiegelbild
  • Traum
  • Meditation
  • Steckbrief
  • Beeindruckt

Und dann wählt man eine weitere und noch eine – immer geht es um dasselbe Bild. Und eigentlich geht es nicht um das Bild, sondern eben um das Erproben unterschiedlicher Schreibhaltungen.


6. Februar 2017
Was ich gemacht habe ...
... und was ich kann!

Von meiner Kollegin Marie-Luise Erner bekam ich folgende Übungssequenz geschenkt.

  • 1. Schritt: Mach eine Liste mit all den Dingen, die du heute schon gemacht hast, ganz konkret: Wecker ausstellen, Kaffee mahlen, mit dem Zeitungsboten schwätzen, küssen, stöhnen usw. (du kannst auch das Partizip verwenden: Wecker ausgestellt, Kaffee gemahlen ...; und du musst nicht chronologisch vorgehen); lass dir für diese Sammlung 15 Minuten Zeit.
  • 2. Schritt: Nimm jeden einzelnen Punkt in der Liste und füg ein „Ich kann“ vor jeden Punkt: Ich kann den Wecker ausstellen. Ich kann Kaffee mahlen. Ich kann mit dem Zeitungsboten schwätzen. Ich kann küssen. Ich kann stöhnen. Usw.
  • 3. Schritt: Du kannst die in Schritt 2 geschriebenen Sätze noch intensivieren, indem du jeweils ein „gut“ einfügst oder indem du die Sätze jeweils beginnst mit: „Ich freue mich, dass ich den Wecker ausstellen kann. Ich freue mich, dass ich Kaffee mahlen kann.“

Diese Übungssequenz stammt aus dem Kontext des heilsamen oder therapeutischen Schreibens, sie schult die Achtsamkeit und die Fokussierung auf Ressourcen.


13. Januar 2017
Literatur einbauen
Die Zwei-Spalten-Methode

Gestern coachte ich einen jungen Mann, der eine Erzieherausbildung macht und eine Hausarbeit zur Veränderung der Vaterrolle verfassen muss. Er hatte die Literatur, die er benutzen wollte, gelesen und dann in einem Rutsch den Hauptteil über den Vergleich zwischen der alten, passiven und der neuen, aktiven Vaterrolle heruntergeschrieben, zwei Seiten, alles schlüssig und gut formuliert. Aber wo waren die die Literatur, die Belege für das Dargelegte? „Ich weiß immer nicht, was ich mit der Literatur machen soll, wie ich sie in den Text kriege“, sagte er. „Kein Problem“, sagte ich. „Deine Arbeit bzw. deine verwendete Schreibstrategie ist die beste, die du wählen konntest.“ Er schaute mich etwas irritiert an. Doch so ist es.
1. Fragestellung entwicklen, 2. Literaturrecherche betreiben, 3. Texte lesen, 4. Thesen und Positionen aufstellen – das hatte er alles wunderbar gemacht. Und er hatte 5. den Rohtext in seinen eigenen Worten formuliert, alles war drin, was es braucht. Außer: die Literaturstellen als Belege. Also zerschnitten wir 6. seinen Rohtext in Sinnabschnitte; zu jedem Sinnabschnitt suchte er 7. einen passenden Beleg (oder zwei) und formulierte ihn 8. hinein – mit ein paar Textmustern, die ich ihm dazu noch zur Verfügung stellte, z. B.: „so wie es A. formuliert“ oder „B. sagt es sogar noch schärfer“ oder „hier schließe ich mich C. an“ usw.
Diese Strategie, die mein Coachee angewendet hat, hat Otto Kruse als Zwei-Spalten-Methode beschrieben. Vorrangig geht es bei dieser darum, in die linke Spalte auf einem Blatt den Rohtext herunterzuschreiben, im Vertrauen darauf, dass das, was vom Gelesenen im Kopf vorhanden ist, dafür ausreicht. Im zweiten Schritt trägt man in die rechte Spalte die Belege ein, als Verweise oder Originalzitate.
„Cool“, sagte er, erleichtert darüber, dass seine für ihn passende, sozusagen aus dem Bauch heraus gewählte Strategie nicht blöd ist und sogar mit einem einfachen Trick ergänzt zu einem wunderbaren Ergebnis führt. (Ein erfreulicher Nebeneffekt dieser Methode ist, dass sie auch gut geeignet ist, um die Plagiatgefahr zu bannen – denn beim Rohtexten lässt man ja nur das regieren, was vom Gelesenen im Kopf hängengeblieben ist bzw. sich dort zu einer eigenen Darstellung und Argumentation formiert hat.)


9. Januar 2017
OuLiPo – auch 2017
Pantun aus Zitaten

Zwischen den Jahren haben wir gelesen (so hoffe ich), die Bücher, die wir geschenkt bekamen, liegen noch neben dem Sofa oder auf dem Nachttisch. Nach der Lektüre sind Bilder geblieben, vielleicht Satzfetzen. Manchmal streichen wir Sätze an (ich tue das jedenfalls) und wollen sie nicht vergessen, wollen nach ihnen vielleicht gar leben! Und dann verblassen sie, andere sind stärker, der Alltag überlagert das Erhabensein. Wenn wir aber etwas tun mit den Sätzen, die so wichtig waren, die heraustraten aus der Buchseite, die uns umwarben, anfassten, ergriffen, dann werden sie deutlicher, bekommen mehr Leucht- und Wirkkraft.
Suchen wir also acht (nicht zu lange oder halbe) Sätze aus den zuletzt gelesenen Büchern heraus, die und entgegengetreten sind. Fügen wir sie zu einem Pantun. Und die Sätze werden sich entfalten, Neues sichtbar machen, was wir ahnten oder auch nicht, wir machen sie zu unseren Sätzen, zu unseren Wahrheiten.
In einem Pantun werden acht Zeilen jeweils zweimal verwendet. Hier ein Beispiel aus 2016 (aus dem auch das Prinzip, in welcher weise sie wiederholt werden, hervorgeht):

Pantun
Nicht dass einer auf die Idee kommt
dass man schlendern kann, absichtslos
dass es auch ganz anders sein kann
staunende Augen an hellen Tagen

dass man schlendern kann, absichtslos
Fragen, Fragen, Grübelattacken
staunende Augen an hellen Tagen
Wann nur ist es anders geworden?

Fragen, Fragen, Grübelattacken
Wo nur sind Ruhe und Konzentration?
Wann nur ist es anders geworden?
Es ist nichts mehr wie früher

Wo nur sind Ruhe und Konzentration?
dass es auch ganz anders sein kann
Es ist nichts mehr wie früher
Nicht dass einer auf die Idee kommt


26. Dezember 2016
Schöne Anwesende
Im OuLiPo-Fieber

Für die nächste Jahrestagung des Segeberger Kreises, meines (schreibpädagogischen) Quasi-Berufsverbandes, schlage ich eine OuLiPo-Schreibgruppe zum Thema ZEITFORMEN vor. In Vorbereitung auf diesen Vorschlag, der als Text in den Segeberger Briefen 94 veröffentlicht werden wird, habe ich mich durch die Literatur zu OuLiPo gelesen – durch die, die ich lesen kann. Die, die auf Deutsch erschienen ist, ist wahrlich überschaubar. So gibt es etwa in der Bibliothek der Uni Kassel kein einziges Buch zu OuLiPo auf Deutsch. Aber bei Gundel Mattenklott bin ich fündig geworden. Sie veröffentlichte mehrere Aufsätze (in eben jenen Segeberger Briefen). Und vor allem fand ich dort feine Anregungen. So etwa diese, erfunden von George Perec: „Der schöne Anwesende“ („beau présent“).
EinE schöneR AnwesendeR ist ein Gedicht, das zu Ehren einer Person verfasst wird. Es handelt sich dabei um ein anagrammatisches Gedicht: Jeder Vers enthält nur die Buchstaben, aus denen der Name der/des schönen Anwesenden besteht. Schöne Anwesende eignen sich sowohl für Geburtstage oder Jubiläumsfeiern als auch für Gelegenheiten des Spotts oder der Kritik. Oder vielleicht kann man auch ZWEITAUSENDSIEBZEHN als schönen Anwesenden be-/ver-dichten.


5. Dezember 2016
Listen-Vita
Mein Leben 2016 in Listenform

Langsam neigt sich das Jahr dem Ende entgegen. Ich fahre am Donnerstag ins Kloster Germerode, um mit einer Gruppe von 13 Frauen schreibend einen persönlichen Jahresrückblick zu wagen. Eine der Anregungen stelle ich hier vor, die Listen-Vita.
Listen gibt es in der Literatur viele. Manche heißen dann Gedichte (z. B. Bertolt Brechts Vergnügungen), manche sind nummeriert (z. B. Zehn Gebote des Schreibens). Man könnte auch eine Listen-Vita schreiben (oder eben eine spezielle 2016-Liste machen), dazu ein paar Ideen:

  • Meine gelesenen Bücher 2016
  • Meine Krisen oder traurigsten Momente 2016
  • Das ist mir im letzten Jahr gelungen
  • Dahin ging mein Herzblut
  • Das waren meine Glücksmomente
  • Darüber habe ich 2016 gestaunt


14. November 2016
Was ist ein Gottprotz?
Mit Elias Canetti in kreative Gefilde

Immer wieder sehr gern nehme ich einen Text aus Elias Canettis Werk Der Ohrenzeuge als Schreibimpuls. Zuerst Staunen, Zögern, Stöhnen gar, dann aber die Lust am Benutzen der Figuren, manchmal gar der Impuls zu eigenen, sprachlich ähnlich hergestellten.

Die Königskünderin
Der Namenlecker
Der Unterbreiter
Die Selbstschenkerin
Der Hinterbringer
Der Tränenwärmer
Der Blinde
Der Höherwechsler
Die Geruchschmale
Die Habundgut
Der Leichenschleicher
Der Ruhmprüfer
Der Schönheitsmolch
Die Mannsprächtige
Der Schadenfrische
Die Schuldige
Der Fehlredner
Die Tischtuchtolle
Der Wasserhehler
Der Wortfrühe
Die Silbenreine
Der Ohrenzeuge
Der Verlierer
Die Bitterwicklerin
Der Saus und Braus
Die Mondkusine
Der Heimbeißer
Der Vermachte
Der Tückenfänger
Die Schadhafte
Die Archäokratin
Die Pferdedunkle
Der Papiersäufer
Die Versuchte
Die Müde
Der Verschlepper
Der Demutsahne
Die Sultansüchtige
Die Verblümte
Der Gottprotz
Die Granitpflegerin
Der Größenforscher
Die Sternklare
Der Heroszupfer
Der Maestroso
Die Geworfene
Der Mannstolle
Der Leidverweser
Die Erfundene
Der Nimmermuss

Hier zwei Beispiele meiner TeilnehmerInnen aus dem Jahreskurs Kreatives Schreiben, die letzte Woche entstanden sind und die sie mir freundlicherweise zur Veröffentlichung überließen. Das Spielen und der aktuelle Bezug sind nicht zu übersehen.

(freie Verse)
Nimmermuss
den adoptiere ich
es gibt immer eine Wahl
im November sind alle unterwegs
aber ich muss ihnen nicht begegnen

(Elfchen)
Gottprotz
Donald Trump
Volle Fahrt voraus
Keine Notbremse in Sicht
Atemnot


10. Oktober 2016
Ein Gedicht?
Fragen 1

Das folgende Gedicht von Jürg Amann (Schweizer Schriftsteller, 1947–2013) kann als Anregung dienen. Die Form kopierend stellen Sie eigene Fragen, vielleicht zu einem Lebensthema, vielleicht auf ähnlich naive Weise wie Kaspar Hauser?

Kaspar Hausers Fragen
Warum heißt warum warum?
Warum ist die Welt bunt?
Warum ist das Gras grün?
Warum ist die Luft blau?
Warum ist das Wasser klar?
Warum ist die Wüste rot?
Warum ist die Weste weiß?
Warum ist das Geld schmutzig?
Wo ist die Sonne, wenn sie nicht scheint?
Wo ist der Wind, wenn er nicht bläst?
Wo ist die Nacht, wenn es Tag ist?
Wo ist die Frau, wenn sie ein Mann ist?
Wo ist der Tag in der Nacht?
Warum ist der Himmel ein Loch?
Warum brennt mich das Licht, obwohl es nicht da ist?
Warum scheint mir der Mond in den Kopf?
Warum kann ich die Flammen nicht pflücken?
Warum stinken die Blumen so sehr, dass mir schlecht wird?
Warum sind nicht alle Tiere ein Pferd?
Warum wiehert der Apfel nicht, wenn er vom Baum springt?
Warum isst die Katze nicht mit den Händen?
Wer hat die Kühe erfunden?
Wer hat die Blätter an die Bäume gehängt?
Warum beißt mich der Schnee in die Hand?
Warum friert der Winter im Winter nicht?
Warum habe ich auf dem Rücken kein Auge?
Worin besteht die Höhe der Berge?
Warum schlafe ich nicht, wenn die Natur schläft?
Was ist diese Schrecklichkeit der Wälder und Wiesen?
Warum bin ich hier und nicht dort?
Warum sagt Gott kein Wort?
Warum?


3. Oktober 2016
Das Serendipitätsprinzip
Versuch über Licht und Dunkelheit

Das Serendipitätsprinzip bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist. Hier mal ein Beispiel auf einem Foto, das meine Freundin Marion Koopmann irgendwo in Spanien machte und mir für schreibkreative Verwendungen überließ. Einfach nehmen und sich inspirieren, zu Assoziationen verleiten lassen. Oder nach Parallelerfahrungen im eigenen Leben suchen.


12. September 2016
Lesetagebuch
Eine Schulmethode für (kreative) Schreibgruppen

Lesetagebuch heißt: Ich lese ein Buch und begleite den Leseprozess reflexiv und kreativ schreibend. In einer Schreibgruppe kann vereinbart werden, dass alle dasselbe Buch lesen oder jedeR ein selbst gewähltes.
Der Begriff Tagebuch ist etwas irreführend, sind doch Tagebücher eigentlich ,geheim’. Lesejournal wäre ein besserer Begriff, der sich aber nicht durchgesetzt hat. Vergleichen kann man Lesetagebücher durchaus mit den Künstlertagebüchern, die einige KünstlerInnen begleitend zu einem Projekt oder ihrem gesamten Schaffen geführt haben und die ja auch nicht geheim (geblieben) sind.
In den 1960er Jahren wurden Lesetagebücher für den Deutschunterricht entdeckt, zunächst als Medium zur Dokumentation privater Lektüre. In den 1970ern erweiterte sich das Konzept aufgrund der Erkenntnis, dass das Fernsehen einen immer größeren Einfluss gewann: Das Führen eines Lesetagebuchs sollte zur kritischen Reflexion und ästhetischen Sensibilisierung beitragen. In den 1980ern wurden Lesetagebücher in das Konzept des individualisierten, handlungs- bzw. produktionsorientierten Unterricht eingefügt; seit den 1990ern sind sie fester Bestandteil offenen Unterrichts bzw. der Freiarbeit (vgl. Hintz 2002: 62ff.).
Die Methode Lesetagebuch ist gegen rein passives oder konsumorientiertes Lesen gerichtet; mit ihr sollen Lernprozesse gesteuert und nachvollziehbar, individuelle Lese-, Verstehens- und Lern-Strategien gefördert werden. Das Lesetagebuch kann ein Baustein auch für ein (kreatives) Schreibgruppenkonzept sein, das „das Lesen als Interaktion von Leser und Text begreift und den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten einer individuellen, selbsttätigen, identitätsbildenden, intensiven und aspektreichen Auseinandersetzung mit dem Gelesenen eröffnen sowie Leseerfahrungen im Sinne von Imaginationen, Identifikationen, Perspektiven­übernahmen und Fremdverstehen anbahnen will“ (Hintz 2002: 268).
Außerdem fördert das Führen von Lesetagebüchern selbstredend die Kommunikation über das Gelesene in der Gruppe.
Wie nun sieht ein Lesetagebuch aus? Zunächst einmal: Es ist eine Mappe, in die alles geheftet wird, was geschrieben, gezeichnet, gesammelt wurde. In den nun folgenden Anregungen werde ich schwerpunkt­mäßig Anregungen zum Schreiben geben.

Vor der Lektüre kann man sich schreibend mit dem Titel (Text und Bild), mit Vorerwartungen an den Inhalt, mit der/dem AutorIn, mit der historischen Entstehungszeit des Buches befassen. Auch kann man einfach zum Titel oder zwischen erstem und letztem Satz eine eigene Geschichte erfinden.

Während des Lesens gibt es mannigfaltige Möglichkeiten. Hier einfach eine Liste, die ich mit Hilfe von Schülerinnen aus meiner Schreibwerkstatt-AG an der Integrierten Gesamtschule Kaufungen (April 2008) und den Frauen aus meiner Donnerstagsschreibwerkstatt (Mai 2015) generiert habe:

  • Textstellen abschreiben, die berühren (auch ,schöne’ Gestaltung möglich)
  • Zitate herausschreiben, die (z. B. als Aphorismus) einmal verwendet werden können
  • eine der Textstellen als Impuls für einen freien Text (oder bestimmte Textsorte) verwenden
  • Personensteckbrief erstellen
  • Brief/Mail an die Hauptperson schreiben, ein Telefonat mit ihr führen
  • Interview mit einer Person/Figur führen
  • inneren Monolog einer Person schreiben
  • Tagebucheinträge einer Figur erfinden
  • Karikatur einer Person anfertigen
  • Dialog zwischen zwei Figuren erfinden
  • ein Kapitel in einen Bericht, ein Gedicht o. a. (alle Textsorten sind möglich, im Sinne von Queneaus Stilübungen) umschreiben
  • Gegentexte zu Kapiteln aus anderen Perspektiven
  • zu einer Figur und ihrem Verhältnis zu etwas Anderem (Person, Gegenstand) schreiben
  • zur Leidenschaft oder zum Geheimnis einer Figur (imaginierend) schreiben
  • Kommentar zum Verhalten, zur Sprache einer Figur geben
  • sich intensiv mit einer (zufällig aufgeschlagenen) Seite der Geschichte befassen
  • Akrostichon aus einem Schlüsselwort machen
  • die ersten drei Verben, die letzten drei Nomen, daraus eigenen Text machen (oder andere
    Experimente mit dem Wörtermaterial des Buches)
  • die/den AutorIn über das Verhältnis zu den Figuren sprechen lassen
  • die/den AutorIn über den eigenen Schreibprozess sprechen lassen
  • Kommentar zur eigenen Lesesituation verfassen
  • Reflexion zum eigenen Lektüreprozess vornehmen
  • einen Raum, einen Gegenstand o. ä. beschreiben
  • eine Bauanleitung für einen Gegenstand verfassen

Nach der Lektüre gibt es weitere Möglichkeiten:
  • Fragen an den Text aufschreiben
  • Antworten finden auf Fragen, die die Figuren oder die Geschichte stellen
  • Inhaltsangabe verfassen
  • die Geschichte auf 100 Wörter schrumpfen
  • Ich-Erzählung mit ähnlichem Inhalt schreiben
  • Rezension schreiben
  • Anpreisung oder Lese-Warnung verfassen
  • Brief an AutorIn schreiben
  • welche (universellen) Lebensfragen das Buch beantwortet
  • an was die LeserInnen sich reiben
  • worauf das Buch realen Einfluss haben kann
  • Text über das, was eine Figur die Leserin lehrte
  • Kreuzworträtsel zum Inhalt gestalten
  • neue Kapitel einfügen
  • neue Personen erfinden, die dem Ganzen eine andere Wendung geben könnten
  • Vorgeschichte des Entstehens der Geschichte erfinden
  • ein anderes Ende erfinden
  • eine Fortsetzung schreiben
  • das ganze Buch als Theaterstück oder Film aufbereiten
  • ,Familienaufstellung’ zu den Figuren im Buch
  • (alle) Kapitel illustrieren
  • das ganze Buch in einen Comic oder eine Bilderreihe umwandeln

Bertschi-Kaufmann, Andrea (2006): „Jetzt werde ich ein bisschen über das Buch schreiben“. Texte zum Nachklang von Lektüren als Unterstützung des literalen Lernens. In: Kruse, Otto / Berger, Katja / Ulmi, Marianne (Hg.): Prozessorientierte Schreibdidaktik. Schreibtraining für Schule, Studium und Beruf. Bern/Stuttgart/Wien: Haupt Hintz, Ingrid (2002): Das Lesetagebuch: intensiv lesen, produktiv schreiben, frei arbeiten. Baltmannsweiler: Schneider Waldmann, Günter (2000): Produktiver Umgang mit Literatur im Unterricht, 3. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider


1. August 2016
Was bleibt vom Tag?
Schwärzen Sie!

Nehmen Sie eine Seite der heutigen Tageszeitung und lesen oder überfliegen Sie diese. Lassen Sie sich von Wörtern und Zusammenhängen, von Zufallsfunden, die Ihre Aufmerksamkeit erregen, fangen und schwärzen Sie den Rest der Seite. Es bleiben Wörter, Halbsätze, die sich zu einem neuen Text fügen (sollen).
Ich habe die Idee übernommen von Austin Kleon, der seine Werke Newspaper Blackout Poems nennt, übersetzt vielleicht:
Zeitungsausradierungsgedichte. Einerseits ist die Arbeitsweise eine kreative, die zu visuell-kommunikativen Produkten führt, andererseits spielt sie mit dem Akt der Zensur von Texten in Repressionszusammenhängen.
Kleon, Austin (2010): Newspaper Blackout, New York: HarperCollins, S. 69


25. Juli 2016
Das war der Tag
Schlagzeilen-Text

Nehmen Sie die heutige Tageszeitung und schneiden alle Schlagzeilen bzw. Überschriften aus (je nach Umfang der Zeitung kann man auch nur einen Teil, etwa das Feuilleton, nehmen). Aus diesen Schlagzeilen entsteht nun ein Text. Variante A: Es darf kein eigenes Wort hinzugefügt werden. Variante B: Sie mischen Schlagzeilen und eigene Zwischentexte.


11. Juli 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 5
Einführung in das redaktionelle Arbeiten (nach Melanie Heusel):

Bei einer Weiterbildung (Literacy Management und Schreibzentrumsarbeit) an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder lernte ich 2011 Melanie Heusel kennen. Sie entwarf dort – auch auf ihrem Hintergrund als Lektorin – während der Weiterbildung 2012 ein Konzept zur schrittweisen Überarbeitung eines Manuskript-Rohtextes zu zweit.

Die Texte, mit denen gearbeitet wird, sollten nicht länger als jeweils eine Normseite sein.

  1. Schritt: Die Teilnehmenden tauschen in Paaren ihre Texte.
  2. Schritt: Jede überarbeitet/redigiert den Text der jeweils Anderen nach eigenem Ermessen – aber auch vorsichtig, auf neuralgische Punkte, logische Brüche etc. hinweisend; eine Form könnte ein (wohlwollend fragender) Brief an die Autorin, den Autor sein.
  3. Schritt: Die Texte werden zurückgetauscht. Die PartnerInnen diskutieren über die Rückmeldungen.
  4. Schritt: Jede schreibt eine Neufassung des eigenen Textes auf ein neues Blatt.
  5. Schritt: Schritt 2 bis 4 wiederholen sich; dieses Mal werden (vorher abgesprochene oder vorgegebene Kriterien) angelegt.
  6. Schritt : Jede reflektiert schriftlich das eben Erlebte: Wie war es, den eigenen Text aus der Hand zu geben? Wie hat es sich angefühlt, in den fremden Text einzugreifen? Welche Art von Änderungen wurden zu meinem Text vorgeschlagen? Welche Art von Änderungen habe ich für den fremden Text vorgeschlagen? Wie war das Erstellen der Neufassung? Welche Änderungsvorschläge haben sich als nützlich erwiesen? Warum? Welche anderen Vorschläge/Eingriffe/Anweisungen wären noch hilfreich gewesen? Warum?
  7. Schritt: Jeweils zwei Paare tun sich zusammen und tauschen sich über die Ergebnisse aus.


4. Juli 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 4
Für die Sendung mit der Maus

Angelehnt an die Queneau’schen Stilübungen (siehe 20. 6. 2016) kann man einen eigenen oder auch einen fremden (Sach-)Text so umschreiben, dass er sich für die Sendung mit der Maus eignet. Wie geht das – Sachtexte schreiben für Kinder zwischen vier und acht? Im Selbstversuch lässt sich das einfach mal testen. Vielleicht gibt es ja das eine oder andere Kind in der Verwandtschaft oder Nachbarschaft, das sich als Testhörer zur Verfügung stellt.


20. Juni 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 3
Stilübungen am eigenen Text

Die Idee: Man wendet die Stilübungen von Raymond Queneau (1961) auf einen eigenen (kurzen) Text an und verfasst mindestens fünf Varianten. Beispiele für Queneau’sche Aufgaben: Text in Gedicht oder Bühnenstück verwandeln, rückwärts erzählen, Telegramm, Klappentext, für Kinder .../

In dem kleinen Bändchen von Queneau findet man rund 100 Selbstversuche des Autors, der Ursprungstext ist eine einfach erzählte kurze Szene in einem Bus, der je nach selbst gestellter Aufgabe entsprechend sprachlich und/oder stilistisch und oder vom Aufbau her verändert wird. Der Sinn ist zum Einen, dass ein solches Selbstexperiment Spaß macht, zum Anderen aber bringt es auch Erkenntnisse über das Gemachtsein von Texten – im Selbstversuch.


13. Juni 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 2
Feedbackmethoden nach Patricia Belanoff & Peter Elbow

Patricia Belanoff und Elbow stellen in A Community of Writers: A Workshop Course in Writing (McGraw Hill, 1989/1999) elf Feedbackmöglichkeiten vor (Zusammenfassung unter www.usi.edu/media/2962444/summary-of-ways-of-responding.pdf; abermals zusammen­fassenden Übersetzung: Kirsten Alers). Erdacht sind sie für den Kontext Peer Review im wissenschaftlichen Schreiben, lassen sich aber an alle anderen Kontexte anpassen.

Sharing: no response
Es geht um die Wirkung reiner Aufmerksamkeit: den eigenen Text laut vorlesen oder gleichzeitig mit jemand anders parallel leise lesen.

Pointing and center of gravitay
Pointing: Welche Wörter/Sätze/Passagen berühren, bleiben hängen? Center of gravity: Welche Facetten scheinen wichtig, erzeugen Resonanz oder könnten allgemeingültig sein?

Summary and sayback
Zusammenfassung in eigenen Worten.

What is almost said? What do you want to hear more about?
Diese Fragen stellt die/der AutorIn ans Publikum.

Reply
Die frei assoziierten Gedanken der ZuhörerInnen zum Gegenstand des Textes.

Voice
Welchen Eindruck macht der Ton des Textes: Ist er lebendig, human, langweilig, furchtsam, zuversichtlich, sarkastisch, verteidigend etc.? Und was zeigt der Ton von der Autorin?

Movies of die reader’s mind
Spontane und ehrliche Auskunft in Ich-Aussagen über das, was in einer/m beim Lesen/Hören vorgeht, direkt nach dem Lesen/Hören.

Metaphorical descriptions
Beschreibung des Textes in bildhaften Ausdrücken aus dem Bereich Kleidung, Wetter, Tiere, Farben, Formen etc.

Believing and douting
Zuerst alles glauben (auch wenn nicht): Glaub alles, was ich geschrieben habe, und mach es mich glauben; sei mein Freund und gib mir mehr Beweise, Argumente, Ideen, damit ich meinen Text intensivieren kann. Dann alles anzweifeln (auch wenn nicht): Nimm die Haltung eines Feindes an und such Argumente gegen meinen Text, mach glaubhaft, dass du mein Schreiben hasst.

Skeleton feedback and descriptive outline
Skeleton feedback: Leg meine Annahmen über Thema und Adressat sowie meine Argumentationen offen, den Hauptpunkt, die Unterpunkte, die unterstützende Beweisführung. Descriptive outline: Schreib says- und does-Sätze für den Gesamttetxt, dann abschnittsweise. (Ein says-Satz fasst die Meinung oder Botschaft zusammen, ein does-Satz beschreibt die Funktion.)

Criterion-based feedback
Den HörerInnen/LeserInnen Fragen zu spezifischen Aspekten meines Textes stellen, mit denen ich hadere, über die ich mich wundere; ergänzend fragen, was die HörerInnen/LeserInnen als wichtigste Kriterien ansehen, z. B. entlang der traditionellen Kriterien für Essays: Fokus der gestellten Aufgabe, Inhalte (Ideen, Argumentation, Quellen/Unterstützung, Originalität), Organisation des Textes, Klarheit der Sprache, Charakter des Tons.


6. Juni 2016
Feedback gehört zum Schreibprozess 1
,Segeberger Methode’

Im Prinzip ist das ,normale’ auf den Segeberger Jahrestagungen übliche Feedbackprozedere angelehnt an die Methode, die von den Tagungen der Gruppe 47 bekannt ist: Die Autorin, der Autor liest den eigenen Text vor – und schweigt dann, während im freien Gespräch, in harter Debatte der Text von den Zuhörenden besprochen wird. So verfahren wir in der Regel – manchmal aber denken wir uns etwas Komplexeres aus. Ein großer Unterschied (unter anderen) zwischen der Gruppe 47 und dem Segeberger Kreis ist allerdings, dass die Gruppe 47 sich im Prinzip nur zur Textrezeption traf, während auf den Tagungen des Segeberger Kreises gemeinsam geschrieben wird, um sich dann die Texte vorzulesen, die während dieser selbsterdachten und -gesteuerten Schreib­einheiten entstanden sind.
Auf der Jahrestagung des Segeberger Kreises 2007 in Wolfenbüttel war ich Mitglied der Klein-gruppe „Stil(l)arbeit“, deren Arbeitsprozess ich hier vorstellen möchte: Zunächst tauschten wir (zehn SchreibgruppenleiterInnen und/oder Auto­rInnen/Jour­nalistInnen) uns über die von den Ein-zelnen bevorzugt angewandten Feedback­methoden aus. Im Anschluss schrieb jedeR einen nicht zu langen Text zu einem der in der Gruppe vorgeschlagenen Themen Opferbrief, Glück/Pech, Wasser, Veränderung, Drei Nächte lang, Nachtgedanken oder Sport. Diese Texte wurden zweimal kopiert, das Original anonym an einer Pinnwand aufgehängt. Die beiden Kopien wurden verlost, sodass jedeR aus der Gruppe zwei fremde Texte hatte, die sie/er kommentieren/lek­torieren/kritisieren sollte, ohne dass die Methode vorgegeben war. Die kommentierten Kopien wurden neben das Original an die Pinnwand gehängt. JedeR nahm seinen Text und die beiden Fremdkommentare und begab sich an die Überarbeitung des eigenen Textes. Parallel zur Bearbeitung sollte eine Art reflektierendes Tagebuch geführt werden unter den Fragestellungen: Was arbeite ich warum ein, welche Vorschläge verwerfe ich? Welche Kritik freut mich, welche ärgert mich? Was haben die KommentatorInnen erkannt, wo war mein blinder Fleck? Was passiert mit meinem Text, was mit mir während der Überarbeitung?
Ich dokumentiere hier meine eigenen nach dem Überarbeiten gemachten reflektierenden Notizen: „Ich bekam zu meinem Text ,Koljas Sommernacht’ Kommentare von Karsten und Ekkehard. Karsten arbeitete mit rotem Stift im Text direkt, monierte einzelne Wörter/Zu­sammenhänge und machte auch Verbesserungsvorschläge. Ich konnte damit wunderbar arbeiten, habe einiges angenommen (so auch eine sehr konkrete Anmerkung von Ekkehard), anderes nicht – und mich gar nicht geärgert. Mir wurde bewusst, dass es schwer ist, einen Text, der in einen größeren Zusammenhang gehört (Romankapitel), sinnvoll zu kritisieren. Karsten fügte auch noch auf einer ,gelben Karte’ Fragen hinzu, die sich fast alle auf dieses Problem bezogen, bis auf die letzte (...): ,Der Text wirkt auf mich, als sei der Ich-Erzähler weiblich.’ Dieser Punkt brachte mich auf, ich vermutete Rollenklischeedenken bei meinen beiden (männlichen) Kommentatoren, sie unterstellten mir mangelnde Distanz zu meinen weiblichen Erfahrungen als Jugendliche. Zum Schluss (in der mündlichen Nachreflexionsrunde, KA) kam heraus, dass dieser Kolja in meiner Erzählung ein sehr intellektueller Junge mit der Gabe zu ironischer Selbstreflexion ist und dass ich meine Geschichte mal pubertierenden Jungen und Mädchen als TestleserInnen geben sollte. (...)“ (Segeberger Briefe No. 75, 2/2007, S. 27).
Im Anschluss an dieses einen ganzen Tag in Anspruch nehmende Prozedere entwickelten wir in der Kleingruppe Kriterien und Verfahren für Textarbeit, die Kriterien möchte ich hier ebenfalls dokumentieren:

Formales Äußere Form, Absätze ...
Grammatik, Rechtschreibung ...
SpracheStilfragen
Klischee vs. Originalität
Figurensprache
zeigen vs. benennen
beschreiben vs. erklären
Wiederholungen, Tautologien prüfen
TextganzesErzählperspektive
Anfang und Ende
Titel
Spuren legen
Erwartungen schüren und erfüllen vs. Erwartungen brechen
Entscheidung vs. Unentschiedenheit
Plausibilität, Glaubwürdigkeit
Konsistenz, Stimmigkeit
Umgang mit offenen Fragen
Das ,Eigene’     Ton des Textes
Funktion klären
Ziel klären(Segeberger Briefe No. 75, 2/2007, S. 28 f.).

Das Fazit der Gruppe in Wolfenbüttel: „Die kritische Auseinandersetzung mit dem Text ist Zuwendung für den Text“ (Segeberger Briefe No. 75, 2/2007, S. 29).


30. Mai 2016
Collage mal wieder
Mit Zitaten etwas Neues herstellen

Man nehme: vier Nachrichtensendungen oder drei Tierfilme oder alle Werbespots während eines Spielfilms. Man notiere: alles, was eine/n anspringt, Wörter, Begriffe, halbe Sätze, als Zitate, nicht kommentierend. Man schalte den Fernseher, das Radio aus. Man nehme die Zitat-Notizen und collagiere sie zu einem eigenen Text. Es sollten möglichst keine eigenen Sätze hinzugefügt werden. Allerdings darf man das Material grammatisch verändern.
Manchmal wird das Ganze absurdes oder lustiges Flickwerk, manchmal aber öffnet sich über dieses spezielle intertextuelle Arbeiten etwas ganz neues Kohärentes.


2. Mai 2016
Thema Dialoge
aus dem 4. Kasseler Schreibcafé

Am letzten Donnerstag veranstaltete das Netzwerk Kreatives Schreiben Nordhessen/­Südniedersachsen das 4. Kasseler Schreibcafé im Café am Bebelplatz. Hineinschnuppern ins Kreative Schreiben – das ist die Idee. Den Abend, der dieses Mal unter dem thematischen Schwerpunkt Dialogeschreiben stattfand, gestaltete meine Kasseler Kollegin Jacqueline Engelke, Journalistin und Schreibbegleiterin.
Es ist immer wieder überaus spannend, KollegInnen zu erleben, unter ihrer Leitung eine Schreibwerkstatt zu genießen. Ich reibe mich am Konzept, ich staune, zu welchen Texten bekannte Schreibübungen bei mir führen, wenn ich vorher nicht weiß, dass sie angeboten werden, und ich bekomme Geschenke: Schreibanregungen, die ich noch nicht kenne. Hier also will ich eine vorstellen, die mich besonders angesprochen hat: ein Akrostichon-Dialog.
Schreiben Sie die Buchstaben des Wortes DIALOG untereinander und füllen dann die sechs Zeilen mit einem Dialog von zwei Stimmen. Mein (etwas dadaistisch und etwas mundartlich anmutendes) Ergebnis:
Dä, ähh, nääää
Igittigittigitt
Alszus, widder un widder
Lieberhenne, nää
Ohje ohje ohje
Grad jetze, dä!


11. April 2016
Wer bin ich?
Anagramme machen

Vielleicht kennen Sie Unica Zürn (!916–1970), die große Meisterin der Anagramme. Hier eines ihrer überlieferten 123 Anagramm-Gedichte:

Tausend Zaubereien
Ei, zarte Sünden bau:
reizende Tauben aus
Zundertau. Eine Base
aus Reizdaunen bete
an. Zuende Staubeier
aus, in Zaubertee. Den
Zebus traue an deine
Busenzierde. Taue an
Eisabenden Azur. Tue
in den Zaubertausee
tausend Zaubereien.

Unica Zürn hat um 1960 in Paris, wo sie auch in Beziehung zu den Surrealisten rund um André Breton und Hans Arp stand, begonnen, Anagramme zu schreiben, nachdem sie zuvor schon als Grafikerin hatte von sich reden machen können (u. a. war sie mit Zeichnungen auf der Documenta II in Kassel vertreten).
Vielleicht wollen Sie selbst einmal Anagramme machen? Es gibt echte wie das oben dokumentierte Gedicht, bei denen in jeder Zeile exakt die gleichen Buchstaben und nur diese vorkommen wie in der Ausgangszeile. Und es gibt unechte Anagramme, bei denen man zuerst aus dem vorgegebenen Buchstabenmaterial so viele Wörter bildet, wie man finden kann, ohne auf die Anzahl der verwendeten Buchstaben zu achten.
Versuchen Sie einmal echte Anagramm-Zeilen zum Wort WIEDERHOLEN.
Versuchen Sie einmal ein unechtes Anagramm-Gedicht zur Frage: WER BIN ICH?


14. März 2016
Umkreisen
Eine Sprache finden durch Wiederholungen

Auf der Suche nach Methoden, um eine Sprache oder zunächst Wörter für das zu finden, was mich umtreibt, was mich sprachlos macht, wofür ich aber so dringend eine Sprache oder zumindest Wörter finden will, habe ich verschiedene Methoden ausprobiert. Und will eine hier beschreiben und zur Nachahmung empfehlen.
Auf der Suche nach einer Sprache für etwas, was sprachlos macht, kommen Wörter zu Ihnen. Nehmen Sie eines davon und schreiben Sie Texte, immer ausgehend von diesem einen Wort. Wiederholen Sie das Wort, so oft es geht. Schreiben Sie wilde Wiederholungstexte, schreiben Sie Elfchen mit dem Wort als erstem, schreiben Sie mit sanfter, mit wilder Musik im Hintergrund, immer das eine Wort im Fokus habend, es wiederholend, es umkreisend, es schmeckend, riechend, sehend, hörend. Nehmen Sie das Wort mit in Ihre Morgenseiten, in Ihr Tagebuch. Und wiederholen Sie es. Dann wird es sich entfalten, es wird andere Wörter herbeirufen, es wird sich etwas in Ihnen öffnen, eine Sprache, vielleicht für die Frage, die Sie mit dem Wort verbunden haben.


8. Februar 2016
100 Jahre Dada
Dada selber machen

Am 5. 2. 1916 wurde Dada gegründet und rasch zur europaweiten Bewegung gegen Denkschranken und für die Befreiung der Künste von Vorschriften und Grenzsetzungen. Neben der explizit antibürgerlichen und Antikriegs-Haltung ging es der Bewegung auch um die Rückbesinnung auf die Grundelemente der Sprache: Buchstaben, Laute, Zeichen­zusammen­fügungen. Einer der Gründer und Protagonisten war der Deutsche Hugo Ball (er stammte aus Pirmasens). Sein Gedicht Karawane von 1917 hat Weltruhm erlangt und kann zu eigenen Sprach-Experimenten anregen. Man könnte selbst Wörter einer Kunstsprache erfinden, man könnte auch – was Richard Huelsenbeck in seiner Gestaltung von Balls Gedicht ja tut – Schlagzeilen zu einem Gedicht collagieren.

aus: Raoul Hausmann: Am Anfang war DADA, Anabas Verlag, Gießen 1992 (1980)


18. Januar 2016
Schreiben als reflexive Praxis
Listen zum Schreiben

Schreiben hat viele Funktionen. Eine Funktion ist die reflektierende, die klärende. Schreiben kann – auch wenn ich keine begeisterte Fabuliererin oder Essayistin bin, auch für mich nützlich sein, unabhängig davon, in welchem Bereich ich es als Reflexionsinstrument einsetze.

Machen Sie Listen:

  1. Was ich schreibe
  2. Was ich nicht schreibe
  3. Was ich gerne, mit Vergnügen, lustvoll schreibe.

Nach dem Listen-Schreiben könnte eine weiterführende Frage lauten: Was kann ich aus den Erfahrungen aus Liste 3 zum Beispiel in die Schreibstunden mit hineinnehmen, in denen ich mich quäle?


21. Dezember 2015
Das Jahr war gelb
Und das nächste wird orange?

Schreib einen autobiografischen Text oder eine fiktive Geschichte: „Ein (z. B.) blaues (oder gelbes) Jahr geht zuende ...“ Wenn möglich, nenn die Farbe nicht (ständig), sondern versuch, eine blaue oder gelbe Stimmung zu erzeugen. Und vielleicht wagst du auch einen Ausblick auf die Farbe des nächsten Jahres ...
Variante: Schreib einen Text, der ausschließlich aus einsilbigen Wörtern besteht: „Das Jahr war gelb ...“


7. Dezember 2015
Pablo Neruda
Das Buch der Fragen

Der berühmteste chilenische Dichter des 20. Jahrhunderts, Pablo Neruda (1904–1973), hat sich auch damit befasst, wie Menschen, insbesondere kleine Menschen, in ihrem kreativ-fantastischen Potenzial gestärkt werden können. In seinem Buch der Fragen verweigert er sich der rationalen Sicht auf die Welt, integriert das Wundern der Kinder und die Erfahrung des Erwachsenen und führt die Lesenden in ein Jenseits von Begründungen und ermöglicht so plötzliche Intuition und lustvolle Imagination. Mit seinen Fragen hat er mit Kindern im Grundschulalter kreative Schreibstunden verbracht – Sie können das ebenfalls, indem Sie einfach intuitiv und lustvoll auf die folgenden (von mir aus ca. 300 ausgewählten und übersetzten) Fragen antworten:

  • Warten noch nicht vergossene Tränen in kleinen Seen?
  • Wenn die gelbe Farbe ausgeht, mit was werden wir unser Brot backen?
  • Wettet der Leopard auf den Krieg?
  • Wie viele Bienen gibt es an einem Tag?
  • Warum attackiert der Hai nicht die bronzenen Sirenen?
  • Warum schreien Wolken so viel, wenn die glücklicher und glücklicher wachsen?
  • Welcher gelbe Vogel füllt sein Nest mit Zitronen?
  • Warum lehrt man nicht die Hubschrauber, Honig aus Sonnenlicht zu gewinnen?
  • Wo lässt der Vollmond heute Nacht seinen Mehlsack?
  • Wo sind all die kuchensüßen Namen des vergangenen Jahres?

Wie man mit dem Buch der Fragen mit Kindern arbeiten und wie man Fragen und Antworten grafisch gestalten kann, hat Eva Maria Kohl in ihrem Buch zum freien und kreativen Schreiben mit Kinder SCHREIBSPIELRÄUME dokumentiert.


9. November 2015
Selfie ohne Kamera
Du heute, an einem Ort, mit ...

Bleib stehen oder sitzen, an einem Platz, der dich anspricht, mit dem du eine Verbindung spürst, an dem du dich einen Augenblick aufhältst, um ein Selfie zu machen (das ist der Begriff für ein Foto, das du mit einer Kamera von dir selbst machst, manchmal mit einer weiteren Person, einer privat bekannten oder einer öffentlichen). Hier geht es um ein Text-Selfie. Du kannst dich an folgenden Fragen beim Schreiben orientieren:
Wo bin ich, welcher Tag ist heute und wie spät ist es?
Was sieht man auf dem ,Foto’, was sieht man von mir, wie sehe ich aus, wie schaue ich?
Wie fühle ich mich? Sieht man das auf dem Foto?
Was ist noch zu sehen, neben mir, über mir, im Hintergrund?
Warum mache ich genau dieses Selfie und gerade an diesem Ort?


2. November 2015
Zettelwirtschaft
Fragment-Archiv mit Wörterbuch

Nehmen Sie eins der folgenden Wörter, die unter dem Buchstaben A im ersten deutschen Wörterbuch stehen, an dem die Brüder Grimm jahrzehntelang arbeiteten – um dann doch nur bis Froteufel zu kommen. Nehmen Sie den Begriff und schreiben Sie einen Zetteltext auf ein postkartengroßes Blatt, dann nehmen Sie den nächsten, dann wieder den nächsten. Beschreiben Sie die Zettel jeweils nur auf einer Seite.
Hier die Begriffe: abäugeln, abbamsen, abbacken, abbaden, abbalgen.
Genauso gut wie mit den alten Begriffen können Sie mit sprachlich aktuellen arbeiten, indem Sie einfach mit dem Finger in einen Duden stechen und ein Zettelfragment zum getroffenen Wort schreiben, dann das nächste, dann wieder das nächste. Sie können sich auf diese Weise auch ein Fragment-Archiv anlegen, um später vielleicht etwas daraus in einem längeren Text zu verarbeiten.


7. Oktober 2015
Woraus Geschichten gemacht werden
Die Masterplots nach Ronald B. Tobias

Vielleicht ist es zunächst irritierend, aber bei der Such nach weiteren bin zumindest ich nicht fündig geworden. Ronald B. Tobias hat in der Weltliteratur nur 20 Plots gesichtet, d. h. dass seiner Meinung nach jede Erzählung, jede Kurzgeschichte, jeder Roman, also jeglicher Prosatext einem der folgenden 20 Plots folgt.
Suche (quest); Abenteuer (adventure); Reif werden (maturation); Innere Wandlung (transformation); Äußere Wandlung (metamorphosis); Aufstieg (ascension) und Abstieg (descension); Das Extreme und Exzessive (wretched excess); Liebe (love); Verbotene Liebe (forbidden love); Rivalität (rivalry); Der Unterlegene (underdog); Versuchung (temptation); Opfer (sacrifice); Rache (revenge); Verfolgung (pursuit); Flucht (escape); Rettung (rescue); Rätsel (the riddle); Entdeckung (discovery) (vgl. Fritz Gesing: Kreativ schreiben, S. 103 ff.).
Nun kann man also andersherum vorgehen und sich einen Plot aussuchen und eine Erzählung damit schreiben. Es empfiehlt sich, vorher vielleicht noch eine Prämisse aufzustellen. Ein Prämissen-Beispiel für den Plot „Suche“: Jede Suche endet damit, dass man am Ende aufhört zu suchen, ob man etwas gefunden hat oder nicht.


7. September 2015
Das Prinzip Hoffung
Eine Vision schreibend denken

Ernst Bloch soll hier nicht Impulsgeber sein, sondern der Künstler Joseph Beuys, der mehrfach Teilnehmer an der Documenta in Kassel war und hier mit Kunstwerken in Museen und mit dem öffentlichen Projekt Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung oder auch 7000 Eichen das Bild der Stadt nachhaltig verändert hat. Auch darin ist schon eine Vision zu sehen. Explizit hat er sich auch zur Zukunft geäußert, tatsächlich ähnlich wie Bloch oder Adorno. Folgender Satz von Beuys (dessen Quelle ich nicht ausfindig machen konnte) soll Anregung sein, inne zu halten und eine Vision schreibend zu denken: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“


10. August 2015
Ein Sommergedicht
Mit allen Sinnen schreiben

Es ist August, die Sonne scheint, viele von uns genießen das Draußen-, das In-der-Natur-Sein, da kann man schon mal die Krisen und deren Wahrnehmung auf abends verschieben – und ein Gedicht schreiben (in das sich dann vielleicht doch eine Krise einschleicht). Ein Gedicht mit allen Sinnen zu schreiben, das geht natürlich auch einfach so, hier aber soll eine sehr strukturierte Anleitung gegeben werden, die zu erstaunlichen Ergebnissen führen kann. Ich habe sie im Schreibzentrum der Viadrina (Europa-Universität) in Frankfurt-Oder 2012 kennen gelernt:

Schreiben Sie ein Gedicht, indem Sie erst einmal folgende Fragen beantworten (das ist noch nicht das Gedicht):
Worüber schreibe ich? = Überschrift
Wie sieht es aus?
Wie schmeckt es?
Wie hört es sich an?
Wonach riecht es?
Wie fühlt es sich an?
Dann fügen Sie die Antworten zu einem Gedicht mit Überschrift und fünf Zeilen (es muss sich nicht reimen, darf aber).


20. Juli 2015
Ein Favorit
Unter dem Tuch

Wenn TeilnehmerInnen aus meinen Kurse gefragt werden, wie eine Schreibwerkstatt so abläuft, dann sagen sehr sehr viele: „Also, am Anfang, da liegt ein buntes Tuch auf dem Tisch, und unter dem Tuch ist etwas versteckt, und kuru vor dem Schreiben hebt die Kirsten das Tuch hoch, und – oh! Überraschung! Und alle schreiben los, und allen fällt was Anderes ein, auch wenn ja der Gegenstand derselbe ist. Das mit dem Tuch ist immer wieder das Beste!“
Lassen Sie sich von jemandem etwas unter einem Tuch verstecken, setzen Sie sich voller Erwartung hin, lüften das Tuch – und schreiben Sie los.


13. Juli 2015
Die Krise schreiben
In sieben Sätzen zur Integration

Während der letzten Segeberger Jahrestagung (März 2015 in Fuldatal) schrieben die Teilnehmenden in sechs Gruppen zum Thema Krise. U. a. diente eine Kurve aus dem Kontext Veränderungsmanagement als Schreibanregung.

In meiner Arbeitsgruppe (Krisen kurz gefasst) entwickelten wir dazu folgende einfache Schreibaufgabe: Schreib zu einer beliebigen (persönlichen) Krise (Partner hat Affäre, Kündi­gung, Insol­venz, Kind bleibt sitzen ...) einen Text mit sieben Sätzen, die sich an die sieben Schritten des o. g. Krisenverlaufs orientieren, also jeweils einen Satz zu Schreck, Verneinung, Einsicht, Annahme, Ausprobieren, Lernen und Integration.

Ein Beispiel aus der Tagungsgruppe:
Affäre mit der Kollegin
Schreck: Sie ist es, sie ist also die Andere.
Verneinung: Sie ist es nicht, es ist meine Eifersucht.
Einsicht: Sie ist es, die er meint.
Annahme: Er ist es, und ich lebe vielleicht doch.
Ausprobieren: Ich bin es, die weint, tobt, geht, bleibt.
Lernen: Ich bin es, die in den Spiegel schaut.
Integration: Ich bin es, ich also bin es.

Der Sieben-Zeilen-Text ist vielleicht fertig, kann aber auch als Gerüst, als Plot dienen, um die Geschichte auszuweiten.


29. Juni 2015
Nicht festkleben
Mehrversionenschreiben

Nicht nur im Kontext wissenschaftliches Schreiben, aus dem diese Anregung stammt, ist es ratsam, in Betracht zu ziehen, dass die aktuelle Fassung eines Textes möglicherweise nicht die einzig denkbare, nicht die ausgereifteste, nicht die endgültige ist. Um das herauszufinden, kann man einmal mit einem nicht allzu langen Text (ca. ein bis zwei Normseiten) ein Experiment machen: das Mehrversionenschreiben nach Peter Elbow.
Nehmen Sie sich vier Stunden Zeit. Schreiben Sie in den ersten 45 Minuten eine erste Fassung, anschließend fassen Sie in 15 Minuten das Geschriebene zusammen und reflektieren: Was ist entstanden, was zeigt sich, was ist gut? In der nächsten Stunde entsteht eine zweite Version mit wiederum 15 Minuten schriftlicher Reflexion. Das Prozedere wiederholt sich dann noch zweimal. Sie werden erstaunt sein über Ihre Erkenntnisse, Ihr Schreiben, Ihre Texte ... (nach Peter Elbow: Writing without Teachers, 1973/1998, gefunden bei Katrin Girgensohn: Neue Wege zur Schlüsselqualifikation Schreiben. Autonome Schreibgruppen an der Hochschule, Wiesbaden 2007).


8. Juni 2015
Der Blick auf die Hauptfigur
Aus unterschiedlichen Perspektiven

Aus einem Schreibseminar bei Charles Lewinsky (über das ich von meiner langjährigen Schreibschülerin Christa Müller einen ausführlichen Bericht bekam) stammt folgende Schreibanregung: Sie haben eine vage Vorstellung von einer Hauptfigur – oder bereits eine umfassende Skizze angefertigt. In jedem Fall wird die Figur plastischer, zunächst einmal für Sie selbst, wenn Sie sie beschreiben aus der Sicht

  • des kauzigen Nachbarn
  • der Bäckerin; wo sie immer ihre Brötchen kauft
  • der Briefträgerin, die weiß, was sie so an Briefen bekommt
  • einer Austauschschülerin
  • einer früheren Lehrerin beim Ehemaligentreffen
  • eines Kindergartenkindes, Kind der Nachbarn
  • eines Polizisten auf der Wache, der Beschwerden annimmt
  • eines Anhänger einer Sekte, der an der Tür klingelt
  • etc.

Sie können die Beschreibungen neutral verfassen oder in der Ich-Form verfassen, z. B. als Monolog oder als Brief. Vielleicht lässt sich die eine oder andere Beschreibung dann sogar (in Auszügen) für ihre Geschichte verwenden. Auf jeden Fall wird Ihre Figur vielschichtiger, widersprüchlicher und Ihnen bekannter.


18. Mai 2015
Zwei-Sätze-Texte
Ein oulipistisches Experiment

Ich weiß nicht mehr, wann und mit wem ich diese Übung das erste Mal gemacht habe (es könnte meine Kollegin Carmen Weidemann gewesen sein) – aber seither könnte ich sie (fast) in jeder Schreibwerkstattstunde machen. Man nehme: zwei Sätze (aus eigenen Texten oder aus der Literatur). Man nehme: die Wörter dieser beiden Sätze. Und sonst kein weiteres Wort. Alle Wörter, die Sie zur Verfügung haben, dürfen Sie so oft verwenden, wie Sie wollen. Sie dürfen die Wörter auch beugen, aber: Es darf kein einziges neues Wort hinzukommen.
Manchmal entsteht etwas Lyrisches, manchmal etwas Surrealistisches, manchmal kreist man um ein zentrales Thema, das eins der zur Verfügung stehenden Wörter auslöst ... Lassen Sie sich fort-, um den Brei herum, mitten rein und wieder zurücktragen!


11. Mai 2015
Miniversität
Was Sie alles wissen!

Eine meiner Lieblingsübungen in großen Gruppen, die sich zwar schon kennen, aber länger nicht gesehen haben, ist die Übung Miniversität. Ich habe sie nicht selbst erdacht, weiß aber nicht mehr, von wem ich sie quasi geschenkt bekam. Sie geht so: Sie stellen sich vor, über welche Themen Sie aus dem Stegreif ein zehnminütiges Referat halten könnten. Sie machen eine Liste mit all diesen Themen, denen Sie auch schon Titel geben. Alle Themen sind erwünscht, Themen aus dem beruflichen, dem häuslichen und dem – ich nenne ihn mal – Hobby-Kontext. Es geht bei dieser Übung darum, mir bewusst zu machen, über welche Ressourcen ich verfüge. Ich könnte daran anknüpfen ... Zumindest aber bekomme ich ein gutes Gefühl. Und in der Gruppe beim Vorlesen erfahre ich Erstaunliches.

Als Beispiel: Meine Miniversität vom 11. 4. 2015
Sockenstricken mit drei Nadeln
Die angloamerikanische Short Story und die deutsche Kurzgeschichte
LRS – das Leben als Mutter
Mehrfachbeziehungen: Visionen und Realitäten
Die Kommune Niederkaufungen
Die Domänen des Kreativen Schreibens
Curry-Sahne-Soße ohne Sahne
Yoga und Schreiben, yogisches Schreiben
Lücken im Lebenslauf
Der Segeberger Kreis
Wie Konzepte beim An-die-Wand-Starren aufblitzen
Das Fagott
Eine Pressemitteilung schreiben
Die Segnungen der deutschen Grammatik
Freewriting vs. Automatisches Schreiben
Glücklich leben mit Brustkrebs


18. April 2015
Günter Grass ist tot
Zwei Schreibanregungen

Günter Grass ist am 13. April 2015 gestorben. JedeR verbindet wohl etwas mit diesem Schriftsteller. Ich verbinde mit Günter Grass den Adamsapfel eines seiner Roman(anti)helden, der mich diese Schullektüre (Katz und Maus) hat verabscheuen lassen. Ich verbinde mit Günter Grass Die Blechtrommel, die ich in der Verfilmung von Volker Schlöndorff kurz nach meinem Abitur gesehen habe, jenseits der allerersten Szene am Kartoffelfeuer ist vor allem die Szene in mir unauslöschlich, in der Angela Winkler sich beim Anblick von Aalen, die aus einem verwesenden Pferdekopf kriechen, übergeben muss. Ich verbinde mit Günter Grass das Buch, in dem er kurze Prosastücke selbst illustriert hat (Mein Jahrhundert) und in dem ein seltsam flacher und gleichzeitig berührender Text über Wuppertal Platz hat. Ich verbinde mit Günter Grass, dass er nicht geantwortet hat, als ich ihn vor ein paar Jahren als Schirmherr für den Nordhessischen Autorenpreis gewinnen wollte. Ich verbinde mit Günter Grass den Mut, etwas Unpopuläres zu schreiben, öffentlich. – Bilder in mir, Erinnerungen, die zu Autobiografischem, zu Essayistischem ausgebaut werden könnten ... Was verbinden Sie mit Günter Grass? Schreiben Sie es auf.

Eine zweite Schreibanregung: Hier finden Sie fünf Anfänge von Texten von Günter Grass. Lassen Sie sich von diesen inspirieren zu Erzählungen oder autobiografischen Texten oder ...

  • Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt [...]
  • Nach den Worten unseres Gastgebers war ein Orkantief von Island in Richtung Schweden unterwegs.
  • Wie wir einander, Anna und ich [...]
  • Das Seminar schien befriedet, ich aber blieb in Unruhe.
  • Als wir, von Berlin kommend [...]


15. März 2015
Kreatives Schreiben –
Nabelschau oder Welt im Blick?

Weder das eine noch das andere: Kreatives Schreiben nimmt die Welt in den Blick, und die Welt, das ist der Bauchnabel, das ist die Ukraine, das sind die Kriegserzählungen des Großvaters, das ist der Bandscheibenvorfall des Sohnes, das ist Fukushima, das ist die lange Beckett-Lesenacht, das ist meine Suche nach den richtigen Wörtern. Und auch gilt der .alte Spruch der Frauen der 1968er Bewegung: Das Private ist politisch, also ist alles ,Welt’ und öffentlich und nichts einfach nur meine Sache. Wie aber kann man das dann schreibend ausloten? Hier eine Idee:
Schreiben Sie einen Tagebuch-ähnlichen Text rund um den Bauchnabel, frei, ohne vorherige Festlegung einer Form. Dann schreiben Sie einen Kommentar zu einem Sie bewegenden öffentlichen, kultur-, sozial- oder weltpolitischen Ereignis. In einem dritten Schritt schneiden Sie beide Texte in Abschnitte auseinander und setzen sie, die Absätze aus dem ersten Text mit den Absätzen aus dem zweiten Text abwechselnd, wieder zusammen.


2. März 2015
Wir waren auf Sylt
Meine Lieblingsschreibübung der letzten Woche

Eine Woche Meer schreiben! Ein Luxus. Für die Teilnehmenden, für mich. Eine Woche Inspirationen aus der imposanten Landschaft, vor allem im Listland, jenseits der touristischen Zentren der Insel Sylt. Meine Lieblingsübung der vergangenen sieben Tage hier als Schreibanregung:
Inspiriert vom Buch Literatur in fünf Minuten (Roberta Allen) und passend zur Fastenzeit haben wir an einem Morgen als erste Schreibübung vier Drei-Minuten-Texte geschrieben. Nach jeweils drei Minuten sagte ich Stopp und gab den nächsten Impuls. Auf Sylt waren es: Wüste, meinwärts, grundlos vergnügt, Quelle meiner Kraft. Bei Nachahmung ist es sinnvoll, sich entweder von einer anderen Person nach und nach vier Begriffe geben zu lassen oder blind in ein Buch zu tippen und das Wort zu nehmen, auf das der Finger stieß. Es geht bei dieser Übung nicht darum, etwas Fertiges herzustellen, sondern sich dem zu überlassen, was der Impuls auslöst. Es entsteht möglicherweise dabei eine Idee für einen Text ...


9. Februar 2015
Fragment schreiben 2
Blütenstaubfragment – nach Novalis

Stephan Porombka (Universität Hildesheim) schreibt: „[...] Es wäre deshalb völlig falsch, das Schreiben von Fragmenten als sinnlose Ausschussproduktion zu verstehen, die man sich eigentlich auch sparen könnte, wenn man sich nur gleich darauf konzentrieren würde, etwas Brauchbares aufs Papier zu bringen. Wer schreibend nach ,Brauchbarem’ sucht, um gleich das ;Unbrauchbare’ auszusortieren, schaltet Kontrollinstanzen ein, die beim Schreiben von Fragmenten ausgeschaltet bleiben sollen. Was man am Ende brauchen kann, weiß man ja nicht. [...] Fragmente sind Experimente. Jedes Fragment ist ein Anfangsverdacht, eine erste Ermittlung, eine erste Frage, eine erste Antwort. Sie sind Ergebnis eines leicht rauschhaften Zustands, in den sich der Schreibende durchs Schreiben bringt, um zu schwärmen, zu übertreiben, zu spinnen, zu riskieren, zu testen [...]“ (Porombka 2007, S. 29 f.). Porombka bezieht sich in seinem Aufsatz auf die poetische Idee des Fragmentarischen, die auf die Romantiker, genauer auf den Jenaer Kreis und im Speziellen auf Novalis zurückgeht. Das Fragment als vorläufiges Produkt des anderen Texten und Gedanken begegnenden intertextuellen Arbeitens und Ausprobierens, des immerwährenden Um- und Weiterschreibens im Labor des nie vollendeten Lebens. Novalis schreibt ein seinem 65. Blütenstaubfragment: „Alle Zufälle unseres Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. [...]“ (zit. nach Porombka 2007, S. 35).
Nehmen Sie einen Zufall aus Ihrem Leben. Von heute, von gestern, von 1991. Und schreiben Sie ein Blütenstaubfragment.

Stephan Porombka: Für wahre Leser und erweiterte Autoren. Novalis: Blütenstaub-Fragmente [1798]. In: Stephan Porombka, Olaf Kutzmutz (Hg.): Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister, München 2007, S. 23–35


31. Januar 2015
Fragment schreiben 1
Fragmente als Mitten – nach Lorenz Hippe

Lassen Sie sich drei Wörter schenken von der Person, die gerade neben Ihnen sitzt. Wenn da keine ist, schlagen Sie ein beliebiges Buch an drei Stellen auf, tippen auf je ein Wort. Oder Sie nehmen Ihren zuletzt geschrieben Text und nehmen die ersten drei dreisilbigen Wörter. Diese drei Wörter (beliebiger Wortarten) sind Ihr Grundmaterial, mit dem Sie zunächst ein Fragment schreiben. Sie schreiben drei Minuten. Dann lassen Sie den Stift fallen, spülen, gehen eine Runde spazieren, telefonieren, schreiben etwas Anderes ... Anschließend nehmen Sie sich Ihr Fragment wieder vor, dieses ist nun der Mittelteil einer kleinen Erzählung. Schreiben Sie einen in etwa genauso langen Teil davor und dann einen in etwa genauso langen Teil danach. Fertig ist Ihre Kürzest-Erzählung.

Zur Arbeit mit Fragmenten empfehle ich das voller Schreibanregungen steckende Buch meines Kollegen, des Theaterpädagogen Lorenz Hippe: Und was kommt jetzt? Szenisches Schreiben in der theaterpädagogischen Praxis, Weinheim 2011


19. Januar 2015
Binde deinen Karren an einen Stern
Eine Aufforderung zum ermutigenden Schreiben

Es ist nicht so einfach, ,auf Kommando’ Texte zu schreiben, die selbst- oder fremdermutigenden Charakter haben. Im Fachbereich des heilsamen oder therapeutischen Schreiben existieren vielerlei Anregungen. Heute will ich einen Satz als Schreibanregung hierher stellen, der an sich schon ermutigenden Charakter hat. Er passt gut auch gut zum noch jungen Jahr: „Binde deinen Karren an einen Stern!“
Der Satz stammt von Leonardo da Vinci und ist der Titel eines 2000 im Herder Verlag erschienenen Buches von Jörg Zink und Meinolf Kraus. Vielleicht führt die in ihm enthaltene Aufforderung zum Blick auf etwas Leuchtendes im Schwarzen. Der Satz kann natürlich auch zu etwas ganz Anderem führen, als ich mir das so vorstelle. Das ist dann natürlich auch vollkommen richtig.


29. Dezember 2014
Was brauchst du?
Friederike Mayröcker zu Ehren

Am 20. Dezember ist Friederike Mayröcker 90 Jahre alt geworden. Die Gedichte und Prosa-Stücke der österreichischen Dichterin sind nicht immer leicht zu verstehen, aber einige Texte verwende ich seit Jahren als Anregungen in Schreibwerkstätten. So nun also hier zu ihren Ehren folgende Anregung, die auch zum kommenden Jahreswechsel passt, der ja doch – ob man es will oder nicht – zum Resümieren und Vorausblicken auffordert.
Man kann sich erstens anregen lassen durch den Titel des Gedichts und Wesentliches versuchen zu filtern; man kann zweitens die Form, die ja etwas Aufzählendes hat, nachahmen; eine dritte Möglichkeit ist, zwischen die Zeilen Mayröckers jeweils eine eigene Zeile zu setzen, also eine Montage herzustellen.

was brauchst du
was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie grosz wie klein das Leben als Mensch
wie grosz wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie grosz wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel


15. Dezember 2014
Die Hosentaschenbohnen
Eine Blicklenkungsübung

In Vorbereitung auf das Schreibwochenende im Kloster Germerode (5. bis 7. 12. 2014) habe ich mich an eine Geschichte erinnert, die ich mal gehört hatte, irgendwas mit Steinen oder Bohnen, die von einer Hosentasche in die andere wandern sollen ..., und habe sie gefunden:

Die Glücksbohnen
Es war einmal ein Bauer, der steckte jeden Morgen eine Handvoll Bohnen in seine linke Hosentasche. Immer, wenn er während des Tages etwas Schönes erlebt hatte, wenn ihm etwas Freude bereitet oder er einen Glücksmoment empfunden hatte, nahm er eine Bohne aus der linken Hosentasche und gab sie in die rechte. Am Anfang kam das nicht so oft vor. Aber von Tag zu Tag wurden es mehr Bohnen, die von der linken in die rechte Hosentasche wanderten. Der Duft der frischen Morgenluft, der Gesang der Amsel auf dem Dachfirst, das Lachen seiner Kinder, das nette Gespräch mit einem Nachbarn – immer wanderte eine Bohne von der linken in die rechte Tasche. Bevor er am Abend zu Bett ging, zählte er die Bohnen in seiner rechten Hosentasche. Und bei jeder Bohne konnte er sich an das positive Erlebnis erinnern. Zufrieden und glücklich schlief er ein – auch wenn er nur eine Bohne in seiner rechten Hosentasche hatte.

„Sich auf das zu konzentrieren, was im Leben gut ist, statt nur auf die Probleme zu starren, verändert innerhalb weniger Wochen die gesamte Wahrnehmung und die Lebenseinstellung“, schreibt die Tiefenpsychologin Dr. Elisabeth Mardorf und empfiehlt, ein Dankbarkeits­tagebuch zu führen. Das ist die Idee: Es geht nicht darum, etwas zuzukleistern, unter den Teppich zu kehren oder umzuinterpretieren, sondern viele kleine Glücke vor das große Drama (jedeR hat eins) zu stellen. Also, vielleicht einfach mit drei Bohnen anfangen und abends sich schreibend an die Glücksbohnenmomente erinnern.
Weiterführendes zu den Formaten Freuden- und Dankbarkeits­tagebuch lässt sich bei diversen AutorInnen finden, die sich mit der Heilkraft des Schreibens befassen, u. a. bei Luise Reddemann.


12. Dezember 2014
Auf dem ICH-Sockel
Kassel hat mehr zu bieten als den Bergpark

Gegenüber vom Brüder-Grimm-Platz, auf der Wiese vorm Hessischen Landesmuseum, eine Gehminute vom Kasseler Rathaus entfernt – da gibt es einen recht unscheinbaren Sandsteinsockel. Es ist so einer, auf dem eigentlich eine Statue oder Büste stehen könnte. Der Platz auf dem Sockel aber ist leer. Und dort, wo (im Falle von Statue oder Büste oben) eingemeißelt ist, um wen es sich dort oben denn handelt, steht das Wort ICH. Hinter dem Sockel gibt es ein Treppchen, man kann also bequem hinaufsteigen und sich auf dem Sockel positionieren. Und hinspüren. Wie stehe ich? Als was stehe ich? Wie halte ich meine Arme, wohin zeigen meine Füße? Was will ich demonstrieren? Will ich auf einem Sockel stehen? Wenn ja, für was? Und unweigerlich die Frage: Wer ist eigentlich dieser Mensch, der sich Ich nennt? Vielleicht findet man schreibend eine Antwort (oder mehrere), wenn man wieder heruntergeklettert ist.
Fotos zu machen, ist auch spannend. Hier zwei von mir, aus den Jahren 2007 und 2012.


27. Oktober 2014
Kann ein Diktator Jan heißen?
Namen und Plausibilität

Natürlich kann ein Diktator im ,echten’ Leben Jan heißen. In meinem Leben gibt es auch eine Imke, die 1962 in Duisburg geboren wurde. Aber eine Erzählung mit einem Jan als Diktator oder ein Roman, der in den 1960er Jahren im Ruhrgebiet spielt und deren Hauptfigur Imke heißt, wirken nicht plausibel. Es gibt auch den umgekehrten Effekt: Wenn man einen Namen hört, entsteht sofort ein Bild, bei Brunhilde ein anderes als bei Pia, bei Nathan ein anderes als bei Pascal.
Selbstverständlich kann man auch einen Namen wählen, der erst einmal nicht zu passen scheint, zu der Figur, zur historischen Zeit, zur geografischen Lage des Handlungsortes. Vielleicht hat die Figur dann ein Geheimnis oder sie ist eben etwas Besonderes. Dann ist dieser Jan vielleicht ein falscher Diktator und Imke macht, eben weil sie diesen Namen hat, eine besondere Karriere.

Die Schreibanregung: Nehmen Sie einen der hier auftauchenden Namen (weitere Möglichkeiten wären: Anna, Karl, Chiara, Pablo, Momo oder Kim) und schreiben eine kleine Szene. Dann schreiben Sie die gleiche Szene noch einmal, aber mit einem anderen Namen. Was hat sich verändert, was musste sich verändern?


6. Oktober 2014
Ein Satz und zehn Texte
20 Minuten in einer Schreibwerkstatt

Eine ganz normale Sache in einer Schreibwerkstatt: Die Schreibgruppenleitung gibt einen Satz vor, woher auch immer er stammt, den sollen alle als Überschrift oder als Anfangssatz für einen eigenen Text nehmen. Die Schreibzeit beträgt 20 Minuten, dann wird vorgelesen, das, was an Fragmentarischem in diesen 20 Minuten entstanden ist. Und das, was da vorgetragen wird, lässt mich – die Schreibgruppenleitung – jede Woche mehrfach (in diversen Schreibwerkstätten) staunen. So unterschiedlich wie die Teilnehmerinnen sind auch die Texte, aber vor allem ist es die Bandbreite, die Vielfalt der zutage tretenden Bilder, die Verknüpfung mit Autobiografischem, die Lust am Erzählen, die mich begeistern.
Am 18. September 2014 gab ich als Anfangsimpuls den ersten Satz aus Felicitas Hoppes Kurzgeschichte Picknick der Friseure (erschienen im gleichnamigen Buch, Fischer TB, Frankfurt/Main 2006): „Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.“

Folgende zehn Texte sind an jenem Donnerstag entstanden, nur wenig wurde beim Abtippen zuhause an ihnen verändert. Ich dokumentiere sie in alphabetischer Reihenfolge (mein eigener – ich schreibe (fast) immer mit – steht deshalb am Anfang).

Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
Sie bringen die Scheren mit und die Schafe und die neuste Haarmode und die Geschichten. Und sie bleiben zwei Wochen. Am 22. oder 23. Mai ziehen sie weiter mit ihren stumpfen Scheren und ihren schwangeren Schafen und neuen Ideen und neuen Geschichten. Und hinterlassen ein Erstaunen und eine Leere und eine hohe Geburtenrate im Februar. Wenn die Kinder beginnen zu begreifen, schauen sie den Friseuren ins Gesicht und später in den Spiegel. Ihre Mütter schweigen und schälen die Kartoffeln. Ihre Väter lassen sich die Bärte stehen. (Kirsten Alers)

Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
Warum kommen sie?
Was wollen sie?
Uns verschönern?
Uns verärgern?
Bärte einseifen?
Sich austauschen und fachsimpeln?
Einen Haarschneidemarathon veranstalten?
Oder sich einfach nur ausruhen und genießen?
Warum kommen jedes Jahr im Mai die Friseure? (Ute Baumgärtl)

jedes Jahr im mai kommen die friseure.
und dann schneiden sie alles ab, was weg muss. haare natürlich, zuerst, klar, am kopf die, die zu lang sind und in die augen fallen, damit fangen sie an, um sich dann die, die am kinn wachsen, vorzunehmen, die, die wachsen, wenn frauen älter werden, und die dann so ärgerlich pieksen und die beim küssen stören, die werden abgeschnitten und auch noch die, die unverschämt aus den nasenlöchern herauslugen, die fallen der schere zum opfer. und weil die friseure so gern schneiden, weil das eigentlich der grund ist, warum sie diesen beruf überhaupt gelernt haben, schneiden sie gleich weiter bei den zöpfen von vor fünf jahren, den alten mit spangen und schleifen, dann bei denen von vor acht und zehn jahren, in denen gar noch haarnadeln stecken und wenn es noch welche gibt von vor fünfzehn oder mehr jahren, solche dicken, verfilzten, festen zöpfe, dann schneiden sie die mit besonderer verzückung ab, man könnte schon beinahe behaupten, sie tun dies mit einer feierlichen, ehrwürdigen haltung.
und sie schneiden gleich bei den blumen weiter, bei den welken – ritsch, ratsch – alles weg. welkes zeug mögen sie nicht. sie schneiden zu lange fingernägel ab und die angst vor dem leben gleich mit, aber auch zu lange röcke zum beispiel – ratsch, neue länge, frech bis übers knie. sie schneiden alte schilder ab, die in die irre führen könnten, und überholte regeln, die verwirrung schaffen, sie schneiden zweige ab, die den weg versperren, die sicht nehmen und das vorankommen schwierig machen.
die friseure kommen in einen regelrechten schneiderausch, klappern laut mit ihren scharfen scheren, und ihre flinken augen suchen immerfort nach neuen möglichkeiten zu schneiden: der alte schrank wird weggeschnitten, raus aus der wand, in die er sich hineingearbeitet hat, sie schneiden die dicke luft aus der wohnung oben drüber, alles weg, sie schneiden die alten kissen aus den sesseln, die krawatte vom hals des filialleiters der bank, der dringend mehr luft braucht, die kruste über dem dorf kommt ab, der schlechte geruch, der sich am kirchturm festgehakt hat, wird mit einem glatten schnitt beseitigt, und sie eilen weiter auf der suche nach schneidemöglichkeiten, nach schneidedringlichkeiten und werden ganz unruhig, wenn es so aussieht, als ob es nichts mehr zu schneiden geben könnte.
wenn die friseure allerdings aus lauter langeweile meine hecke kurz und klein schneiden wollen, kriegen sie was von mir zu hören. ich schreie sie an: „das reicht jetzt!“ dann blicken sie traurig und enttäuscht, manche auch ein wenig verschlagen oder listig und machen sich von dannen, wobei nicht wenige von ihnen vor sich hinmurmeln: „wir kommen wieder.“ (Marie-Luise Erner)

Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
Darauf kommt es Wilibo an. Schön zu sein für sein Mädchen. Für Malaba. Nur für sie. Und nur für sie erträgt er die schmerzhafte Prozedur: Mit der scharfen Muschelschale schabt Rimantibu ihm die Haare an den Schläfen und im Nacken weg. Zurück bleibt eine blutige Spur. Aber Wilibo lächelt. Er ist stark. Er ist tapfer. Er ist ein erfolgreicher Jäger. Rimantibu taucht die Finger in Asche. Nun zupft er die Barthaare am Kinn und unter der Nase aus. Wenn die Sonne untergeht, wird er damit fertig sein. Wenn dann der Vollmond die Hütten beleuchtet, wenn das Lagerfeuer brennt, wird Wilibo mit seinem Mädchen tanzen. (Gisela Hohmann)

Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
Das weiß ja jedes Kind. Alle Friseure und Friseurinnen, selbst die mit schlecht bezahltem Teilzeitjob, sind im Mai auf der Coiffeurmesse Hairstyle, kommen heim und behaupten, es sei höchste Zeit für einen neuen Schnitt, eine Trendfarbe, einen abgefahrenen Look.
Die hohen Glasfenster des Friseursalons sind beschlagen. Im milchigen Pink zucken Reflexe wie Blitzlichtgewitter, blanke Scheren sausen auf und ab. Schatten tanzen ekstatisch um das goldene Haar. Ammoniakwellen, Musik und das Dröhnen der Föhne driften hoch bis zu ihrem Fenster.
Jedes Jahr im Mai verbringt sie viele Stunden dort, hat die Arme auf das mit einem dicken Kissen gepolsterten Fensterbrett gebettet, ein paar Kekse und ein Getränk in Reichweite. Und bestaunt, welche Spuren die Coiffeurmesse in den Köpfen der Friseure und auf den Häuptern der Kunden hinterlassen hat. Linke Schläfe Vorwärtsrolle, rechte Schläfe Rückwärtsrolle, gezackter Pony, weiße Igelspitzen, eine rasierte Schneise über dem Ohr, umgeben von monsoon-blauen Rastazöpfchen.
Mutige Kunden zücken den Handspiegel, sobald die Salontür zugefallen ist, und betrachten sich darin. Dann überqueren sie gesenkten Blickes die Straße oder wühlen erst einmal nach einem Kopftuch. Aber nicht alle! Die Trotzigen sind zwar in der Minderheit, aber es gibt sie. Die haben gar keinen Spiegel dabei, stöpseln sich vor der Tür gleich Musik in die Ohren und stolzieren mit hoch erhobenem Bürstenschnitt von dannen. Jedes Jahr im Mai geht sie nicht zum Friseur gegenüber, im April durchaus, aber dann erst wieder frühestens ab Mitte Juni. Jedes Jahr im Juni, wenn sie von oben die Haaransätze im Monsoon-Blau deutlich erkennt, wenn Verliebte sich gegenseitig wieder in ordentliche Haarbüschel fassen können, wenn die Friseure hinter der Glassscheibe wieder sichtbar werden und sich mit traurigem Blick die schweren Beine reiben, steigt sie die Treppe hinunter, überquert die Straße, öffnet die Tür und sagt: „Wie immer!“ (Christa Müller)

Jedes Jahr im Mai kamen die Friseure.
Die kleine Farm lag weit draußen im Südwesten der Stadt. Der Termin für dieses Ritual musste schon lange vorbestellt werden, da die Friseure immer einen gut gefüllten Terminkalender hatten.
Die Ställe wurden schon Tage vorher auf den Besuch vorbereitet. Sie mussten aufgeräumt und sauber sein. Luftdurchlässige Säcke für die Wolle wurden bereitgelegt. Alle auf der Farm waren irgendwie aufgeregt, vor allem aber die Schafe. Sie schienen es zu spüren, was auf sie zukam. Unruhig liefen sie hin und her. Bei den kleinsten Geräuschen zuckten sie zusammen.
Auf dieses Ritual freuten sich die Kinder und die Erwachsenen, denn mit der Ankunft der Scherer war plötzlich ein kunterbuntes Hin und Her auf der sonst eher ruhigen Farm.
Endlich war es dann soweit. Anfang Mai kamen sechs kräftige Männer mit ihren Schermaschinen auf die Farm. Mit geübten Händen befreiten sie die Schafe in wenigen Minuten von ihrem Fell, wobei die Kinder ihnen gespannt zuschauten. Der Duft der frisch geschorenen Wolle verbreitete sich schnell in den Ställen. Die Farmer sortierten die Wolle, alles lief Hand in Hand.
Der Sommer konnte kommen. (Jutta Cäcilia Ortseifen)

Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
Irgendwann müssen sie ab, die Haare. Lange, inzwischen sehr verfilzte Haare hängen ihm ins Gesicht, laufen seinen Rücken hinunter, sehen wirklich nicht unbedingt gut aus.
Einmal im Jahr ist Schurtag, nicht nur bei den Schafen, auch bei ihm.
Er blickt in seinen kleinen Spiegel, der auch bessere Zeiten gesehen hat. Wehmütig fährt er sich durch die Mähne.
Immer im Mai, wenn die Schafschur beginnt, muss auch John seine Mähne opfern. Und der Bart muss ab! Das hat er seiner Mary versprochen, nur so konnte er sie überzeugen, seine Haare und den Bart wild wachsen zu lassen.
Einmal im Jahr, immer im Mai, ist für ihn ein trauriger Tag. (Gisela Schneider)

Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
Es gibt ein Sammelbuch von mir. Ein ganz spezielles. Es ist mein Mai-Buch.
Im Mai beginnen mein Bauch zu kribbeln, meine Füße zu tanzen, mein Hals zu lachen.
Im Mai, da schreibe ich, da klebe ich, da nähe ich. Und alles kommt in das Buch. Fotos von Jeans, über und über mit Blumen bestickt. Blusen abgeschnitten bis über den Bauchnabel, gepresste Frühlingsblätter, gebastelte Weggefährten.
Und Haarsträhnen. Rote, braune, blonde, schwarze, grüne und pinke.
Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure zu uns in die Stadt. Einige sind immer da, aber diese sind besonders. Dann ist Friseurmesse. Und ich bin ein williges Opfer für deren neusten Kreationen. Sie suchen immer Modelle. Ich stehe immer in der ersten Reihe.
Würden die Friseure im Oktober kommen, dann würde ich keine Haarsträhnen sammeln. Es ist der Mai, der kribbelt und krabbelt.
Und wenn die Friseure ihr Werk vollbracht haben, sammele ich meine Haarsträhnen vom Fußboden auf. Die roten, braunen, blonden, schwarzen, grünen und pinken. Und klebe sie ein. In mein Mai-Buch. (Martina Vaupel)

Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
Sie sind wie die Ingenieure. Die alles zu wissen meinen.
Jedes Jahr danach kommen die Schneider. Dann brauchen alle neue Kleider.
Jedes Jahr im Juli feiern sie die Feste. Jeder gibt das Beste.
Jedes Jahr im August sammeln sie Reste, ist vorbei die Lust.
Und jedes Jahr im Winter suchen sie ihre Kinder. Die haben einen Traum, hängt oben im Baum.
Jedes Jahr im März ziehen sie ihn herunter. Mancher bleibt, ein anderer geht unter.
Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure. (Charlotte Vortmann)

Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure.
Robert macht Holz. Es ist jedes Jahr dasselbe. Er hört es gerne, wenn das Holz im Kamin stöhnt. Er nennt es „gemütliches Knistern“, aber ich weiß, in den Holzscheiten sitzen die Seelen der Bäume, die diesen schmerzhaften Prozess durchmachen müssen. Es bleiben nur Aschehäufchen übrig, die in nichts mehr an stolze Bäume erinnern.
Im Frühherbst rückt Robert aus mit Schlepper, Säge, Axt und dem Benzinkanister voller Super-Benzin. Er sägt und schlägt und rückt, was das Zeug hält, und hört das Stöhnen der Bäume nicht, da er Ohrenschützer trägt. Er ist eben kein Lauscher wie ich, die im Wald so vieles von den grünen Riesen erzählt bekommt. Im Rauschen der Wipfel Tröstendes, im Knacken der Äste Heiteres, im Schwenken der Zweige Philosophisches. Ich komme zur Ruhe. Nach dem Fällen der Bäume kommt das Auf-Länge-Schneiden der Scheite. Robert hat sich eine elektrische Tischsäge gekauft, und die Scheite fallen beim Sägen alle in gleicher Größe in unsere Garage. Am meisten Spaß macht ihm das Stapeln. Er baut Mauern aus Holzscheiten, die im Herbst unser Haus umrunden und im Frühjahr nicht mehr vorhanden sind. Ohne diese Mauern ist Robert nicht glücklich. „Ich sorge vor, damit du es im Winter immer schön warm hast“, sagt er stolz, zieht seine Gummistiefel an, schärft Axt und Säge und geht los. Der Wald erschrickt jedes Mal, wenn er Roberts Schritte hört. Die Bäume hoffe, dass er an ihnen vorübergeht. Manche überlegen sogar, wie sie Robert erschlagen können.
Jedes Jahr im Mai erscheinen die Friseure im Wald. Das sind Männer in grüner Tracht, die sich Förster oder Forstwirte nennen. Sie erscheinen mit einem ganzen Trupp von Waldarbeitern. Immer haben sie ihre Schneidewerkszeuge dabei, Astscheren oder ganz große Knipser, mit denen sie Äste beseitigen, die den Weg versperren oder unschön gewachsen sind. Den Bäumen ist das nur recht. Nach dem strengen Winter müssen im Frühjahr ihre Wipfel und Zweige gezähmt werden. Die Förster nennen das „Auslichten“, und tatsächlich ist es wunderschön, wenn das Licht der Bäume im Mai durch gut frisierte Bäume fällt. Die Friseure haben sanfte Hände, ganz andere als die von Robert. Und wenn sie abends den Wald verlassen, stehen alle Bäume stramm und salutieren. (Erika Wiemer)


21. August 2014
Elfte Schreibanregung
Überschriften von Anderen

235 Einsendungen gab es zum 5. Nordhessischen Autorenpreis (Titel: „Himmel. Hölle. Heimatkunde.“). Ich habe die vorher anonymisierten Texte alle in den letzten fünf Wochen gelesen. Und erlaube mir, meine 17 Überschriftenfavoriten als Schreibanregung zu geben.
Variante A: Lassen Sie sich von einer Überschrift zu einem eigenen Text inspirieren.
Variante B: Montieren Sie alle Überschriften in einen Text.

Dornröschen 2.0 | Keinort | Landschaft mit Sündenfall | Kleines Waldstück mit Holzweg und Lichtung | Rapstage | Mein Stuhl, meine Katze, meine Farbe auf der Wand | 500 m² Heimat | Alles im Fluss, sagst du | Grenzebach | Im Westen was Neues | Glühende Landschaften | Halbjahre entfernt | Gestern ist morgen nicht mehr | keine Heimat überall | Des Sichelmondes starres Gähnen | Wolfhagen. Ein Versuch | Zehn Versuche, Mara zu besuchen


28. Juli 2014
Zehnte Schreibanregung
Einsilbig schreiben

Die oulipistischen Einschränkungen gehören zu meinen Lieblingsschreibaufgaben. Nicht zuletzt fordern sie dazu heraus, zwingen eine/n geradezu dazu, einmal vom üblichen Schreibstil, der einfach so immer wieder die eigenen Texte beeinflusst, abzuweichen. Sich einmal beim Schreiben anders zu erleben.
Meine eigene Lieblingseinschränkung zurzeit ist (und das ist die Schreibanregung): Schreib einen Text, der ausschließlich aus einsilbigen Wörtern besteht. (Kleiner Tipp: Die 2. oder 3. Person Singular sind gut geeignet.)

Beispiel: Du willst es doch auch
Du willst es doch auch. Du, das weiß ich. Komm, sei kein Frosch, komm, zier dich nicht so. Ich weiß doch, dass du das auch willst. Da ist dein Blick, der mir das sagt, da ist dein Herz, das so laut klopft. Los jetzt, es ist Zeit, du bist doch sonst nicht so. Das weiß ich von Tom, der hat – oh, das weißt du ja selbst. Was ist denn? Ich bin wohl nicht so gut! Was hat denn Tom und was fehlt mir? Komm, sag schon! Mensch, mach es nicht so zäh, mach es mir doch nicht so schwer. Ich weiß doch, dass da was ist. Dass das nicht nur in mir ist. Und so scheu bist du nicht. Da war ja auch nicht nur Tom, da war schon Lars und auch Max. Komm, tu nicht so. Schau, ich will dich, du willst mich – was ist so schwer? Was muss ich noch tun? Auf die Knie? Wie, du willst nicht?! Du lügst! Ich weiß, dass du willst. Das merkt man doch. Du spielst ein Spiel mit mir. Das wird dir noch leid tun! Ja, dass du das weißt: Das wird dir noch leid tun, was du mit mir machst. Mit mir macht man das nicht. Und frau erst recht nicht. Du, du ...


14. Juli 2014
Neunte Schreibanregung
Antworten auf ungewöhnliche Fragen

Der chilenische Dichter und Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda (1904–1973) erhielt sich eine besondere Fähigkeit: neugierig zu sein und zu staunen. Aus dieser Fähigkeit heraus entwickelte er hunderte außerordentlicher Fragen, die im Buch der Fragen (The Book of Questions – nur noch auf Spanisch und Englisch erhältlich) veröffentlicht sind. Viele GrundschulpädagogInnen haben bereits mit den Fragen Nerudas gearbeitet, davon berichtet u. a. das Buch Schreibspielräume von Eva-Maria Kohl. Ich habe für meine Schreib­gruppen­arbeit – die vorrangig mit Erwachsenen stattfindet – zahlreiche Fragen übersetzt und möchte als Schreibanregung fünf Fragen veröffentlichen, denn die Magie der Fantasie zu spüren, sich in sie hineinfallen zu lassen, das sollte nicht nur Sache der Kinder sein:

  • Wer schrie vor Freude, als das Blau geboren wurde?
  • Warum lehrt man die Hubschrauber nicht, Honig aus der Sonne zu saugen?
  • Woher kommt die Wolke mit ihren schwarzen Säcken voller Tränen?
  • Wohin gehen die geträumten Dinge?
  • Warum fragen mich die Wellen die gleichen Fragen, die ich ihnen stelle?


7. Juli 2014
Achte Schreibanregung: Tabu 1
Schlangengedicht nach Meret Oppenheim

1974 schrieb Meret Oppenheim ihr 2. Schlangegedicht nach einer oulipistisch zu nennenden selbst gestellten Aufgabe bzw. nach einem selbst auferlegten Tabu: Jedes Wort musste mit dem letzten Buchstaben des vorhergehenden Wortes beginnen.

Beginnen Sie mit irgendeinem Wort, zum Beispiel mit dem Wort „Wenn“ – das nächste Wort müsste dann mit einem N beginnen, also zum Beispiel „Wenn niemand“, das wiederum nächste Wort müsste nun mit einem D beginnen ...


30. Juni 2014
Siebte Schreibanregung (Ritas* Lieblingsübungen 3)
Anfangssatz aus einem Buch

Altbekannt und in vielen Variationen vorkommend in Schreibwerkstätten und doch immer wieder anregend: Man nehme einen Satz, mit dem ein (bis dato nicht gelesenes) Buch beginnt, als Anfangssatz eines eigenen Textes.
Ich schlage heute zwei Sätze vor aus zwei Büchern (deren Titel ich hier noch nicht verrate), die ich im Monat Juni gelesen habe:

– „Wir waren bei den Wochenendeinkäufen im Supermarkt.“ (Yasmina Reza)

– „An jenem Tag fuhr ich nach dem Termin in der Radiologie mit dem Fahrrad nach Hause.“ (David Servan-Schreiber)


22. Juni 2014
Sechste Schreibanregung
Himmel. Hölle. Heimatkunde.

Der Countdown läuft. Die ,Odenwaldhölle’ ging 2013 durch die Medien. Nein, nicht die Odenwaldschule, die auch, ja, aber die medial erzeugte ,Odenwaldhölle’ hat uns, den Vorstand des Vereins Nordhessischen Autorenpreis e. V., zum Titel unseres 5. Literaturwettbewerbs angeregt: HIMMEL. HÖLLE. HEIMATKUNDE.
Jana Ißleib, Carmen Weidemann und ich freuen uns über Prosa-, Lyrik- und experimentelle Texte, die bis zum 17. Juli 2014 eingereicht werden können. Die Ausschreibund mit allen Bedingungen findet man hier: Nordhessischer Autorenpreis.


21. Juni 2014
Fünfte Schreibanregung
(Autobiografischer) Impuls

An einem Abend letzte Woche zappte ich durch die Fernsehkanäle und landete bei einem Krimi, an dessen Titel und Thema ich mich nicht erinnere, und an die DarstellerInnen erinnere ich mich auch nicht. Nur an einen Satz, den der Kommissar kurz vor Ende sagte – und den ich hier als Schreibanregung geben möchte. Vielleicht inspiriert er zu einer Selbstreflexion, vielleicht zu Fiktion oder ...: „Die Dinge, die dir heute am meisten zu schaffen machen, sind die, bei denen du eine Wahl hattest.“


29. Mai 2014
Vierte Schreibanregung
Anapher- oder serielle Texte (2)

Zurzeit leite ich eine achtstündige Wörterwerkstatt im Kasseler Friedrichsgymnasium, in die sich 15 Mädchen und Jungen aus dem Jahrgang 6 eingewählt haben. Am ersten Tag haben wir außer Akrostichons und Kurzkrimis zu dritt auch Anapher-Texte geschrieben (s. auch Dritte Schreibanregung vom 19. Mai). Hier meine Vorgaben:
Schreib einen Anapher-Text, bei dem jede Zeile mit „Manchmal ...“ oder mit „Und ich sage ...“ beginnt. Es sollen mindestens sechs Zeilen sein, den Schluss kann eine besondere Zeile bilden, die dann anders beginnt (Thore nannte sie Moralzeile).
Die Jugendlichen haben fast alle andere Anfänge gewählt als die von mir vorgeschlagenen, z. B. „Heute“, „Morgen“, „Der Tod“, „Leben ist“ oder „Es gibt Leute ...“.
Interessant wird diese Art zu schreiben, wenn man beim Schreiben der Anapher-Texte konsequent und bewusst über den Punkt hinausschreibt, am dem man stockt oder nur noch in Wiederholungen denkt oder sich blöd und das gerade praktizierte Schreiben überflüssig findet – um dann zu neuen Schreibhandlungserlebnissen zu kommen und möglicherweise auch zu neuen Inhalten.
Ein Buchtipp: Florian Neuner: Satzteillager, Klever Verlag, Wien 2011. 146 Seiten; geb.; 16,90 €, ISBN 978-3-902665-34-8


19. Mai 2014
Dritte Schreibanregung (Ritas* Lieblingsübungen 2)
Zurückgehen: Ich erinnere mich ...

Geh auf den Dachboden oder in den Keller, öffne eine Kiste, die dort schon lange steht, am besten, du weißt gar nicht mehr, was sich in dieser befindet – nimm einen Gegenstand aus der Kiste und schreib.
Es gibt die Möglichkeit, einfach nur den Gegenstand (z. B. ein Memorie-Spiel oder ein Brief oder ein Kastanienfigürchen) als Impuls zu nehmen und sich schreibend zu erinnern.
Es gibt aber auch die Möglichkeit, einen seriellen Text zu verfassen. Das geht so: Wieder ist der Gegenstand der Impuls, und dann beginnst du jeden Satz mit „Ich erinnere mich ...“. (Das literarische Stilmittel, wenn jeder Satz mit dem gleichen Wort oder der gleichen Wortgruppe beginnt, nennt man Anapher.)


12. Mai 2014
Zweite Schreibanregung
Shakespeare folgen

Letzten Donnerstag (8. Mai) hatte ich das große Vergnügen, an einem Shakespeare-Schreibabend teilzunehmen, durch den meine Kollegin Carmen Weidemann die Schreibgruppe geleitete. William Shakespeare soll ca. am 23. April 1564 geboren worden sein und ist am 23. April 1616 gestorben. (Seit 1995 ist der 23. April UNESCO-Welttag des Buches.)
Die erste Schreibanregung des Schreibabends gebe ich hier weiter: Schreib einen freien Text, inspiriert vom ersten Satz des Hamlet-Monologs: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“.


2. Mai 2014
Erste Schreibanregung (Ritas* Lieblingsübungen 1)
Literatur in 5 Minuten

Nimm dir 30 Minuten Zeit zum Schreiben. Du brauchst ein Wörterbuch oder ein Lexikon oder einen anderen Menschen und einen Wecker. Das Ziel ist, sechs Miniaturen zu schreiben, alle fünf Minuten ein neues Thema zu nehmen und diesem Impuls jeweils zu folgen, schnell zu schreiben, quasi den Stift immer in Bewegung zu halten, nicht zu überlesen, alle Regeln (Grammatik, Rechtschreibung) mal außer Acht zu lassen. Die Idee dahinter: Man kann nicht nachdenken, man hat keine Chance, das Prozedere zu durchlaufen, das man normalerweise immer durchläuft zu Schreibbeginn. Es geht darum, sich einzulassen auf das, was die Impulse anticken. Es geht nicht um fertige, gute, schöne oder ähnlich attributierte Texte, sondern um das Heben von Bildern, von Sätzen, von Schätzen aus sich selbst. Freewriting, Assoziatives Schreiben, écriture automatique sind Stichwörter, die in diesen Kontext gehören.
Nimm dir also ein Wörterbuch oder ein Lexikon, schließ die Augen und schlag willkürlich eine Seite auf, leg den Finger auf eine Stelle – das Wort, das du getroffen hast, ist dein erster Impuls. Nach fünf Minuten Schreiben wiederholst du das Ganze. Du kannst dir auch alle fünf Minuten von einem anderen Menschen ein neues Wort zurufen lassen. Nach 30 Minuten bzw. sechs Miniaturen stoppst du. Möglicherweise findest du beim Durchlesen Überraschendes oder etwas, das du schon lange vergeblich zu heben versucht hast, oder einen Anfang für eine Kurzgeschichte ... Diese Schreibanregung habe ich entwickelt mit Hilfe des Buches Literatur in 5 Minuten von Roberta Allen, erschienen bei Zweitausendeins, Frankfurt/Main 2002.
* Rita Krause ist Schreibwerkstattteilnehmerin seit vielen Jahren und meine Freundin.